F

Foto (c) Avirama Golan facebook page

Verstörte “jiddischeMammen”

Familienleben – mit und ohne Distanz: Avirama Golan über zwei typisch israelische Mütter

Gabriele Scholz

Wie schaffen es moderne israelische Autorinnen wie Zeruya Shalev und Avirama Golan bloß, ihrer Heimat – mit der Familie als Keimzelle tragischster Neurosen – einen derart unbarmherzigen Spiegel vorzuhalten? Einen Spiegel, in dem wir uns lesend innerhalb kürzester Zeit selbst erblicken!

Avirama Golan, Jahrgang 1950, Mitherausgeberin der Tageszeitung Haaretz und Moderatorin einer Literatursendung erzählt in ihrem Romandebüt “Die Raben” von zwei typisch israelischen Müttern, wie sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten: Auf der einen Seite die gluckenhafte Genia, die 1937 aus der Ukraine ins damalige Palästina kam. Auf der anderen Seite Didi, die in den Fünfzigerjahren im Kibbuz aufgewachsen ist und als TV-Produktionsassistentin in Tel Aviv arbeitet. Während die paranoide “Mamme” Genia ihre Familie tyrannisiert, gerät Didi mit Mitte vierzig in eine schwere Lebenskrise, in der sie allmählich feststellen muss, dass sie sich ihrem Mann und ihrer Tochter entfremdet hat. Zutiefst erschrocken nimmt man Anteil an dem Schicksal dieser Familien, die die rechte Nähe zueinander nicht finden können und letztlich auseinanderfallen.

Die allwissende Erzählerin zieht uns tief in die Geschichte hinein, indem sie die Lebenswege der einzelnen Familienmitglieder parallel montiert: Avirama Golan erzählt von allmächtigen Müttern und schwachen Vätern, von den Kindern Genias, der magersüchtigen und nymphomanen Rivka und von Rami, Genias “Goldjungen”, der Offizier einer Eliteeinheit der Marine wird – in einem Land, in dem die Bedrohung durch Krieg fast schon ein Teil des Heimatgefühls ist. Didis Tochter Na’ama beobachtet unterdessen die überfürsorglichen Rabeneltern in ihrem Garten und fragt sich, warum sie ihre hilflose Brut nicht vor der größten Gefahr schützen – “dem Schnabel eines Kuckucks, … der die Rabenküken zu Tode quält.”

Na’ama kommt zu dem Schluss, dass “es auf der ganzen Welt kein Geschöpf gibt, das unverwundbar ist”. Ein tröstlicher Gedanke in einem ansonsten rabenschwarzen, israelischen Bestseller, dessen Autorin nun bei den Deutsch-Israelischen Literaturtagen zu Gast ist.