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Illustration: (c) Diane Haefner

Gaby Summen, Rockbraut und Mutter von Yolanda, schreibt über C wie Chor.

Musikalische Früherziehung ist wichtig. Um nicht in den Ruf unzeitgemäßer Rabeneltern zu geraten, begibt man sich zähneknirschend in entsprechende Kurse. Es gibt wahrlich schauderhafte Gruppen zur Förderung der unheimlich tief schlummernden Begabungen von Kleinstkindern. Ihre Leiterinnen heißen Ortrun oder Mechthild und zwingen die Mütter zum Anstimmen behämmerter Liedchen und zum Aufführen peinlicher Kreistänze ohne Rücksicht auf Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber es gibt auch Glückstreffer. Plötzlich gerät man mit seinem Kinde zum Beispiel in den Chor der Babyspätzchen, eine Oase der Geborgenheit und Heiterkeit, von der man bis dato nichts ahnte: Ein Bär von einem Mann bearbeitet den Flügel, spielt Triolen und andere kleine Fluchten, die den gestressten Großstadtmenschen zum Glucksen bringen – seine Frau stimmt mit märchentantenweit aufgerissenen Augen Lieder an, die man als Kind einst wirklich gerne sang. Man trällert mit, die Kinder strahlen, haben hochrote Wangen und glitzernde Augen, das Licht fällt irgendwie magisch durch das Fenster auf den schönen Holzboden, bunte Tücher werden singend in die Luft geworfen und scheinen in Zeitlupe wieder niederzuschweben. Käme just ein Engel herein, keinen der anwesenden Väter und Mütter würde es wundern…

Und nächstes Jahr, wenn die Babyspätzchen Spatzen sind und ohne elterliche Begleitung singen können, suchen wir uns unseren eigenen Chor. Mit Kindern begibt man sich eben immer wieder in Situationen, in die man ohne Kinder niemals hineingeraten wäre. Und ist oft verdammt froh darüber.

“C wie Chor” in Missy Magazine von 2010