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Unter ständigem Tränenfluss

Im französischen Film »Paris Murder Mystery« geht Jodie Foster als Psychotherapeutin auf eine Mördersuche

Therapeuten sind auch nur Menschen. Und womöglich erzählen ihre Patienten ihnen nicht immer die volle Wahrheit. Zu dieser Erkenntnis muss die erstaunlich distanzierte Psychiaterin Lilian erst noch gelangen. Was im Film »Paris Murder Mystery« der französischen Regisseurin Rebecca Zlotowski nämlich wie ein klassischer Whodunit beginnt, entpuppt sich schnell als recht verworrenes, aber durchaus unterhaltsames und von feinem Humor durchzogenes Psychodrama.

Alles gerät ins Wanken, als Lilians streng geordnete Welt Risse bekommt: Ihr langjähriger Patient steht plötzlich vor ihrer schicken Pariser Praxis und verlangt sein Geld zurück. Jahrelang hat er versucht, unter ihren Fittichen mit dem Rauchen aufzuhören, nun hat ihn ein halbstündiger Termin bei einer Hypnotiseurin scheinbar auf Anhieb geheilt.

Doch wirklich verunsichert ist Lilian erst, als sie erfährt, dass ihre langjährige Patientin Paula (Virginie Efira) an einer Überdosis Beruhigungsmittel gestorben ist. Lilian stellte ihr zwar das Rezept aus, allerdings ist die darauf angegebene Dosierung weitaus höher, als sie meint, es angewiesen zu haben.

Lilian kann nicht glauben, dass es Selbstmord war, zumal sowohl Paulas aggressiver Ehemann Simon (Mathieu Amalric) als auch ihre Borderline-Tochter Valerie (Luána Bajrami) sich verdächtig verhalten.

Später wird auch noch die Windschutzscheibe ihres Autos mit Blut beschmiert. Zudem bricht jemand in ihre Praxis ein und stiehlt eine Minidisc-Aufnahme von Lilians letzter Sitzung mit Paula. Da die Polizei ihren Mordverdacht nicht ernst nimmt, ermittelt die Therapeutin schon bald auf eigene Faust. Klingt eigentlich wie eine Paraderolle für Isabelle Huppert, doch es ist die perfekt französisch parlierende Amerikanerin und zweifache Oscar-Preisträgerin Jodie Foster, die diese Rolle nuanciert ausfüllt.

Die Suche der vermeintlich gefühlskalten Frau nach der äußeren Wahrheit ist eigentlich eine Suche nach ihrer inneren Wahrheit.

Ihr Weg führt Lilian zunächst erst einmal zu ihrem Ex-Mann Gabriel (Daniel Auteuil), einem Augenarzt. Denn seit sie von dem Tod ihrer Patientin erfahren hat, leidet sie unter ständigem Tränenfluss.

»Ich glaube, ich seh’ dich zum allerersten Mal weinen«, stellt ihr Ex-Mann erstaunt fest, nachdem er sie untersucht und nichts festgestellt hat. Doch Lilian, die sich hartnäckig jeglicher Selbstreflexion verweigert, streitet ab, dass die Tränen etwas mit ihren Gefühlen zu tun haben könnten.

Von nun an sieht sich das Ex-Ehepaar öfter, da Lilian Gabriel in ihre Ermittlungen hineinzieht. Er lässt sich nur allzu gern darauf ein, um die Frau, die er immer noch liebt, zurückzugewinnen. Die Chemie zwischen Auteuil und Foster ist so prickelnd, dass ihr lustvolles Zusammenspiel allein schon das Kinoticket wert ist – auch wenn die Plot-Konstruktion zunehmend ins Wanken gerät.

In ihrer Verzweiflung sucht Lilian schließlich selbst die Hypnotiseurin ihres Ex-Patienten auf, um diesen überaus lästigen Tränenfluss loszuwerden. Bei der Behandlung gerät sie in einen höchst surrealen Trancezustand, in dem sie sich plötzlich als Paulas Geliebte in einem Orchester zur Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebt. Nach der Sitzung ist die rationale Lilian gleichermaßen erleichtert wie verärgert darüber, dass diese fragwürdige Behandlungsmethode offensichtlich bei ihr gewirkt hat.

Ähnlich empört reagiert sie auf ihren eigenen Ex-Therapeuten Dr. Goldstein, den sie aufsucht. Er wird von dem in diesem Jahr verstorbenen, legendären Dokumentarfilmregisseur Frederick Wiseman gespielt. Goldstein vermutet, dass Lilian Schuldgefühle entwickelt habe, da sie den Selbstmord ihrer Patientin einfach nicht habe kommen sehen, und bezichtigt sie der Rechthaberei, mit der sie schon immer so ihre Probleme hatte.

Als sie sich kurz darauf selbst in einen Trancezustand versetzt, erscheint Lilian sogar schon ihr Sohn Julian (Vincent Lacoste), zu dem sie ein außerordentlich kühles Verhältnis pflegt, als Milizionär der Nazizeit.

Allmählich geraten Lilians felsenfeste Überzeugungen, mit denen sie schon lange durchs Leben geht, gehörig ins Wanken. Während Gabriel und sie – in der Tradition der schrulligen Miss Marple und des ihr ergebenen Mr. Stringer – munter weiter ermitteln, entwickelt sich der vermeintliche Fall zur unausweichlichen Möglichkeit für Lilian, die blinden Flecken ihrer Seele zu erkunden.

Die Suche der vermeintlich gefühlskalten Frau nach der äußeren Wahrheit ist eigentlich eine Suche nach ihrer inneren Wahrheit und Verletzlichkeit, die sie knallhart verdrängt hat.

Allerdings hätte diese wilde Mischung aus Whodunit, Psychothriller, Versöhnungskomödie und Mystery-Drama noch mal dringend auf eine Spezial-Couch für Dramaturgen gelegt werden sollen. Zwischenzeitlich ist man doch ziemlich verwirrt darüber, was Zlotowski eigentlich erzählen will. Ebenso wie Lilian sich irgendwann fragt, ob sie nicht doch lieber einfach Gynäkologin hätte werden sollen, statt tagtäglich dem gedanklichen Zickzackkurs ihrer Patienten zu lauschen, könnte man sich fragen, ob eine klarere Genrezuordnung dem Film nicht gutgetan hätte. So ist dieser ambitionierte filmische Hybrid letztlich leider weniger als die Summe seiner durchaus vergnüglich anzuschauenden Teile.

Foto (c) George Lechaptois

Paris Murder Mystery / In: nd von April ’26