D

Der Fremde

Im Scheidungsdrama »A Missing Part« sehnt ein Mann sich nach seiner Tochter

Kaum etwas ist schmerzhafter, als nach einer Trennung das eigene Kind nur noch selten oder gar nicht mehr sehen zu dürfen. Bislang galt in Japan eine grausame Sorgerechtsregelung: Wenn Eltern sich trennten, blieb das Kind bei einem Elternteil, der andere bekam häufig nicht mal ein Umgangsrecht zugesprochen. Erst recht, wenn es sich um einen Gaijin – einen Fremden – handelt, der in den starren Strukturen der japanischen Gesellschaft ohnehin meist ein Außenseiter bleibt.

So ergeht es Jay in Guillaume Senez’ feinfühligem Scheidungsdrama »A Missing Part«. Der Franzose lebt in Tokio und hat seine Tochter Lily das letzte Mal gesehen, als sie drei war. Mittlerweile sind neun Jahre vergangen und Jay, der nachts für ein privates Taxiunternehmen fährt und nach seiner Tochter Ausschau hält, ist zunehmend verzweifelt. Seine Suche ist die einzige Orientierung in einem Leben, das ansonsten in der Bedeutungslosigkeit zu versinken droht.

Romain Duris verkörpert diesen von Sehnsucht nach seiner Tochter verzehrt werdenden Charakter so großartig, dass man zuweilen glaubt, sich einen Dokumentarfilm anzusehen. Obwohl er sehr gut Japanisch spricht, sich in Tokio bereits so gut auskennt, dass einheimische Taxifahrer ihn nach dem Weg fragen, und über die kulturellen Gepflogenheiten des Landes Bescheid weiß, wirkt er sehr verloren. Jay hat mittlerweile begriffen, dass er trotz aller Anpassungsbemühungen nie wirklich dazugehören wird.

Olivier Marguerits mitfühlender Soundtrack und Elin Kirschfinks zurückhaltende Kameraarbeit verstärken diese melancholische Grundstimmung, dieses Verlorenheitsgefühl in der japanischen Kultur, wie es auch Sofia Coppola in »Lost in Translation« eingefangen hat.

Eine ganze Weile fahren wir mit Jay durch die Stadt, erleben ihn in seinem Haus, in dem ein Mekongäffchen sein einziger Gefährte ist, und nur der tägliche Videocall mit seinem Vater in Frankreich ihn ein wenig aus seiner Isolation reißt. Nach der Nachtschicht sucht Jay häufig ein öffentliches Badehaus auf, in dem er ermahnt wird, das Tattoo mit dem Namen seiner Tochter doch bitteschön zu bedecken. Einzig in einer Selbsthilfegruppe von Eltern, die Ähnliches durchleben müssen, kann er ein wenig von seinem Schmerz zeigen. Dennoch rät er seiner Landsfrau Jessica (Judith Chemla), die ganz frisch in derselben Situation steckt wie er selbst vor vielen Jahren, ruhig zu bleiben, um nicht durch etwaige Streitereien auch noch die Chance auf minimalen Kontakt mit ihrem Kind zu verwirken.

Jessica fungiert im Drehbuch von Senez und Jean Denizot als Spiegel von Jays Vergangenheit. Man bekommt eine Vorstellung davon, durch welche Gefühlstäler der streckenweise wie traumatisiert wirkende Mann schon gegangen ist, wenn wir Jessica erleben, wie sie versucht, ihren Sohn wiederzusehen, und dabei wütend und fassungslos gegen die Mauern eines unmenschlichen Rechtssystems anrennt.

Als Jay schon beinahe aufgeben will und seine Rückkehr nach Frankreich plant, geschieht das Unwahrscheinliche: Seine Tochter Lily (Mei Cirne-Masuki), die aufgrund eines Sportunfalls kurzzeitig auf Krücken angewiesen ist, steigt zu ihm ins Taxi. Obwohl sein Herz vor Freude schlicht zu bersten scheint, gibt er sich nicht gleich zu erkennen, um sie nicht zu verschrecken. In den darauffolgenden Tagen, in denen er sie fahren darf, nähert er sich ihr erst einmal vorsichtig an. Das unsichtbare Band zwischen Jay und Lily, das niemals ganz abgerissen ist, wird Fahrt für Fahrt spürbar. Als Jay seine Tochter ein letztes Mal abholt, hat Lily längst begriffen, dass es sich um ihren Vater handelt. Spontan unternehmen die beiden einen Ausflug zum Meer, der für Jay dramatische rechtliche Konsequenzen haben wird.

Dennoch könnte die Erleichterung des Zuschauers kaum größer sein: Gerührt beobachtet man, wie Jay in Gegenwart seiner titelgebenden »fehlenden Hälfte« aufblüht, und auch seine Tochter froh ist, Zeit mit ihrem Vater zu verbringen. Als die beiden gemeinsam mit anderen Menschen einem Fischer dabei helfen, sein Netz aus dem Wasser zu ziehen, lässt Jays permanente Anspannung für einen erlösenden Moment endlich nach.

Zum Glück hat Japan als eines der letzten Industrieländer in diesem Monat endlich das gemeinsame Sorgerecht für Eltern eingeführt – auch ein Verdienst vieler Aktivist*innen und Selbsthilfegruppen, wie wir sie in diesem Film erleben. »A Missing Part« ist somit nicht nur ein herzzerreißendes Drama, sondern auch Zeitdokument eines gesellschaftlichen Umbruchs. Und Jay erlebt immerhin ein trauriges Happy End, das uns mit der leisen Hoffnung entlässt, dass keine Liebe jemals ganz verloren geht, solange man bereit ist, für sie durch die Nacht zu fahren.

Foto (c) Film Kino Text

„Der Fremde“ in nd/ April 2026