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Krone richten, weitergehen

In ihrem Dokufilm »Girls don’t cry« zeigt Regisseurin Sigrid Klaus­mann Teen­agerinnen welt­weit in ihrer oft harschen Lebensrealität

»Frauen erinnern mich ständig daran, was genau unsere Talente bei allen Unternehmungen sind: unsere fürsorgliche und mitfühlende Natur, unsere Empathie anderen Menschen gegenüber und unsere Fähigkeit, mit gutem Beispiel voranzugehen. Es wird höchste Zeit zuzugeben, dass noch viel mehr dieser weiblichen Qualitäten auf dem Feld der internationalen Politik und Entwicklung benötigt werden, wenn wir wirklich eine diverse, gerechte und inklusive Welt schaffen wollen.« Diese Worte der irakischen Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad galten Sigrid Klausmann als Leitfaden für ihr Filmprojekt »Girls don’t cry«.

Die 71-jährige, die 2017 mit ihrem Dokumentarfilm »Nicht ohne uns!« etliche Preise gewann, geht in ihrer neuesten Arbeit der Frage nach, was es in der heutigen Welt bedeutet, ein weiblicher Teenager zu sein. Sie widmet dem Film ihrer vor Kurzem geborenen Enkeltochter.

Sechs Teenagerinnen zwischen 14 und 16, die wir in ihrem Alltag begleiten, erzählen von den kulturellen Restriktionen, denen sie unterworfen sind, und von ihrem unstillbaren Wunsch, dennoch ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Zunächst erzählt Nancy aus Tansania mit festem Blick in die Kamera, wie sie aus ihrem Elternhaus geflohen ist, um der Genitalverstümmelung zu entgehen. Nach dem Tod ihres Vaters wollte ihre Mutter sie zu dieser barbarischen Praxis zwingen. Eigentlich ist sie in Tansania verboten und wird trotzdem noch häufig praktiziert. Nancy floh in ein Schutzhaus der Organisation »Hope for Girls and Women Tanzania«.

»Es ist ja nicht so, dass ich mir gewünscht habe, ein Mädchen zu sein. Ich war es immer schon«, sagt dagegen Selenna aus Chile, die mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen hat. Sie wurde im Körper eines Jungen geboren, ihre Familie unterstützt sie bei ihrem Transitionsprozess. Als Aktivistin setzt sie sich für die Rechte von Transgender-Personen ein.

Nina wiederum ist ein Roma-Mädchen, das in Stuttgart sehr glücklich war, bis ihre Familie nach Serbien abgeschoben wurde. Diese Episode wurde von einer Stuttgarterin privat ermöglicht, denn Klausmann hatte Schwierigkeiten, eine Finanzierung für das Projekt aufzustellen. Ninas Chancen auf Bildung sind in Novi Sad drastisch gesunken, sie lebt in prekären Verhältnissen in einer Romasiedlung, hat mit antiziganistischem Rassismus und patriarchalen Strukturen zu kämpfen. Dennoch ist sie fest entschlossen, sich ein unabhängiges Leben aufzubauen.

Sinai wächst dagegen im hoch entwickelten Südkorea auf. Dort wird von vielen Mädchen erwartet, dass sie sich Schönheitsoperationen unterziehen, um beruflich und privat zu punkten. Für sie kommt das nicht infrage – sie schminkt sich nicht einmal und trainiert jeden Tag auf ihrem BMX-Rad für die Weltmeisterschaften.

In einem weiteren, geschickt mit den anderen Episoden verwobenen Erzählstrang, erleben wir die 16-jährige Paige aus dem prekären Coventry in England als junge Mutter. Im letzten Moment entschied sie sich gegen eine Abtreibung, obwohl viele ihr dazu rieten. Ein Gespräch mit einer gleichaltrigen Freundin, die sich zu diesem Schritt entschlossen hat, berührt unangenehm – es ist der einzige Moment in dem ansonsten respektvoll beobachtenden Dokumentarfilm, in dem man das ungute Gefühl bekommt, die Kamera würde die Privatsphäre eines Mädchens nicht ausreichend wahren.

Das Schicksal der Jezidin Sheelan aus dem Nordirak rührt wiederum zu Tränen. Sie konnte mit ihrer Mutter 2014 dem Völkermord durch den IS entkommen und lebt nun mit ihr seit neun Jahren in Tübingen. Der Vater und einige ihrer Brüder wurden vermutlich ermordet. Das Erstarken der AfD in Deutschland macht ihr und ihren Freundinnen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund Angst – das zarte Gefühl, endlich in Sicherheit zu sein, beginnt wieder zu bröckeln. Gegen Ende des Films kehrt Sheelans Schwester nach acht Jahren IS-Gefangenschaft zu ihrer Familie zurück. Während die beiden bei einer Bootsfahrt über das Wasser gleiten, erzählen die Blicke ihrer Schwester von traumatischen Erfahrungen, für die es keine Worte gibt.

Es ist erstaunlich, welches spürbare Vertrauen alle Mädchen Klausmann und ihrer Ko-Regisseurin Lina Lužytė, die für drei Episoden zuständig war, entgegenbringen. Sie schaffen es beinahe durchweg, angemessen respektvoll mit dem erschütternden Schicksal der Mädchen umzugehen.

Was bleibt, ist Bewunderung für die innere Stärke dieser jungen Frauen, die unbeirrbar für sich einstehen, trotz all der schier unüberwindbar scheinenden Hindernisse, die die Gesellschaft ihnen in den Weg türmt. Diese Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden weinen durchaus über ihren Schmerz, doch dann fangen sie sich wieder, richten ihre Krone und fordern ihr Leben zurück.

Ein Voiceover statt Untertiteln schwächt zwar die Authentizität des Films, erleichtert aber den Zugang für jüngere Zuschauerinnen. Man geht aus dem Kino und sinnt darüber nach, was man noch tun kann, um Mädchen zu stärken – die Welt braucht sie so dringend.

Foto (c) Schneegans Productions

„Girls don’t cry“/ In: nd/April ’26