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Foto: © Falcom

Mina Tander lässt vor dem Café am Prenzlauer Berg nicht lange auf sich warten: In hochhackigen, schwarzen Stiefeletten kommt sie um die Ecke, beim Gehen führt sie noch ein letztes Telefoninterview zu Ende. Sie trägt eine Sonnenbrille, hinter der sie ihren bezaubernden, leichten Silberblick verbirgt. Die großen dunklen Augen verraten die orientalischen Wurzeln der 33-Jährigen. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater war Afghane: “‘Meena’ ist paschtunisch und bedeutet ‘Liebe'”, erklärt die Schauspielerin. “Mein Vater fand das schon wichtig, dass ich einen paschtunischen Namen bekomme.” Am 20. Dezember kommt der Mysterythriller “Du hast es versprochen” mit ihr in der Hauptrolle ins Kino. Ein Gespräch über vertrauenswürdige Ehemänner und posttraumatische Belastungsreaktionen.

teleschau: Um Ihre einjährige Tochter kümmert sich wohl gerade Ihr Mann?

Mina Tander: Sie wird jetzt das erste Mal von meiner Schwiegermutter betreut. Ansonsten bin ich die meiste Zeit bei ihr, mein Mann hat aber auch Elternzeit genommen. Und meine Mutter hat uns sehr unterstützt. Sie war unter anderem sieben Wochen mit uns bei Dreharbeiten in München.

teleschau: Dort drehten Sie unter der Regie Ihres Mannes, Elmar Fischer, die Tatort-Folge “Ein neues Leben”. Sie haben schon einmal mit ihm zusammengearbeitet, als sie sich 2003 bei den Dreharbeiten zu “Fremder Freund” kennengelernt haben.

Tander: Wir kamen erst nach den Dreharbeiten zu “Fremder Freund” zusammen, von daher war das damals eine Arbeit, wo wir uns noch nicht so gut kannten. Wir hatten, glaube ich, beide schon sehr große Impulse uns besser kennenzulernen, aber wir haben das auf nach dem Dreh verschoben. Was den Tatort angeht, war es ein Riesenvorteil mit jemandem zu arbeiten, von dem ich weiß, dass er mich nie ausbeuten, nie vorführen würde. So jemand kriegt natürlich sehr viel von mir, aber ich weiß, er würde das immer irgendwie in einem Rahmen halten, in dem ich mich nicht verletzt fühle.

teleschau: Und wie war dann im Vergleich die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Alexandra Schmidt beim Mystery-Thriller “Du hast es versprochen”? Es ist schließlich ihr Regiedebüt.

Tander: Ich empfand diese Zusammenarbeit als sehr intensiv. Alex weiß wirklich sehr genau, was sie will, und das hilft unheimlich, außerdem haben wir sehr viel geprobt. Was hinzukommt ist, dass ich sie auch wirklich mag. Das war hilfreich, weil es schon anstrengende Dreharbeiten waren: Eiskalt, nachts und im Wald, da kommt man physisch an die ein oder andere Grenze.

teleschau: Sie spielen im Film die Ärztin Hanna, die einen schwerwiegenden Fehler in ihrer Kindheit komplett verdrängt hat. Ein schwieriges Thema.

Tander: Ich finde das immer sehr interessant, weil Traumata Menschen in der Gegenwart permanent beeinflussen, auf die Art, dass sie eine gewisse Unfreiheit dadurch bekommen. Das ist eine Reibung, die ich als Schauspielerin spannend finde – und auch die Tatsache, dass man so eine Rolle auch durchleben muss. Es gibt so viel Schlimmes, aber ich spiele so etwas gerne, weil es für mich als Schauspielerin eine Herausforderung ist. Aber auch, weil das Publikum sich, was seine eigenen Verletzungen betrifft, vielleicht in irgendeiner Form ein bisschen erleichtern kann, indem es sieht, was die Filmfigur durchmacht.

teleschau: Ein schöner Gedanke.

Tander: Nicht speziell, was meine Darstellung angeht, sondern generell, was Film leisten kann.

teleschau: Halten Sie es für möglich, dass jemand die Vergangenheit so ausblenden kann, wie es Ihrer Filmfigur gelang?

Tander: Wir haben mit einer Psychologin darüber geredet, meine Kollegin Laura de Boer, Alex und ich. Sie sagte, dass es absolut möglich ist. Ich weiß jetzt nicht ob der Fachterminus so stimmt, aber ich meine, es ist eine Art posttraumatische Belastungsreaktion, dass man sich wirklich so abspaltet von einem Ereignis. Das Wort “abspalten” ist sehr richtig für diese Figur, für dieses Ereignis. Ihr Über-Ich kann mit gewissen Dingen nicht klarkommen. Das ist nicht häufig, aber durchaus ein bekanntes Phänomen, eine Stressreaktion.

teleschau: Hanna ist sehr sachlich, distanziert, erst am Ende lässt sie ein paar Emotionen zu – wie weit ist diese Persönlichkeit von der Ihren entfernt?

Tander: An meiner Filmfigur bewundere ich ihre Contenance, die sie gerade am Anfang des Films bewahrt – was ihren Ehemann angeht. Ich glaube da wäre ich nicht so – diese Haltung, das finde ich bis zu einem gewissen Punkt auch bewundernswert. Und dann gibt es einen Punkt im Film, wo etwas in ihr bricht – und es kommt immer mehr und mehr hoch, aber sie weiß gar nicht, mit den ganzen Gefühlen, die sie heimsuchen, umzugehen. Mit ihren Erinnerungen, der Schuld und der Angst.

teleschau: Wie bereiteten Sie sich auf so eine schwierige Rolle vor?

Tander: Bei Hanna war es so, dass erst sehr viel im Vagen bleibt, und da war für mich eine große Frage: Was ist ihr Kern? Wie geht sie mit jedem um und wie geht sie dann später damit um, dass sie plötzlich nichts mehr im Griff hat? Sie muss irgendwann lernen, ihre Welt, wie sie sie kennt, loszulassen. Das war schon ein teilweise sehr anstrengender Prozess für mich, weil ja auch die Situationen, in die sie gerät, so extrem sind. Man muss sich den Ängsten der Figur zu öffnen. Zum Beispiel Hannas Angst, ihre Tochter zu verlieren: So etwas geht so tief, da musste ich eine grundsätzliche Bereitschaft dazu mitbringen.

teleschau: “Weißt Du noch, was Du als Kind getan hast?” lautet der Werbeslogan zum Film. Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der Sie als Mädchen besonders gemein waren?

Tander: Also ich habe die Gemeinheit von Mädchen eher im Teenageralter zu spüren bekommen – ich selbst war aber nicht so ein Mädchen, das viel ausgetestet hat. Ich hatte nie großen Spaß daran, andere leiden zu sehen.

teleschau: Dafür dürfte die Uraufführung von “Du hast es versprochen” eine schöne Erinnerung sein: Sie und andere Mitglieder des Filmteams stellten den Film beim Festival von Venedig vor.

Tander: Der Film kam sehr gut an, die Mitternachtsvorstellung war fast voll. Ich hätte das nicht erwartet, weil der Film eben erst so spät und außerhalb des Wettbewerbs lief. Es gab einen Riesenapplaus, es war umwerfend. Und es wurde auch alles abgespielt, was auch bei den Großen abgespielt wird, Pressekonferenz und Photocall, man trägt ganz tolle Kleider und hat ein internationales Publikum. Das ist total unwirklich, wunderschön und auch etwas irre.

Gabriele Summen

Quelle: “teleschau – der mediendienst”