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Foto: Oberon Film GmbH

Warten auf Abdullah

Tom Tykwer verfilmt Dave Eggers‘ bitterböse Parabel über die Gewinner und Verlierer der Globalisierung.

von Gabriele Summen

You may find yourself without a beautiful house, without a beautiful wife/And you may ask yourself: Well … How did I get there?« – Tom Tykwers Verfilmung von Dave Eggers großem Erfolgsroman »Ein Hologramm für den König« beginnt wie ein buntes Bubblegum-Musikvideo zu dem – textlich leicht veränderten – Talking-Heads-Stück.

Tom Hanks, in seiner Funktion als tragischer amerikanische Antiheld, schaut aggressiv in die Kamera und beschwert sich singend darüber, dass sein Leben in Trümmern liegt. Bilder seines Hauses, seines Autos und seiner keifenden Frau verpuffen in pinkfarbenen Wölkchen.

Der deutsche Regisseur Tom Tykwer, der seit dem Erfolg von »Lola rennt« auch in den USA geschätzt wird, macht von Anfang an deutlich, dass er sich nicht allzu eng an die literarische Vorlage halten wird. Tykwer hatte zunächst die Verfilmung von Eggers’ Roman »Weit gegangen« geplant und kannte den Autor daher bereits. So erfuhr er frühzeitig von dessen neuem Roman. Tykwer bekam den Zuschlag, den Stoff zu verfilmen, und schrieb auch gleich selbst das Drehbuch. Er verwandelt die bitterböse Parabel über die menschenverachtenden Absurditäten einer globalisierten, entfesselten Wirtschaft allerdings in eine recht harmlose Komödie mit Happy End, die dennoch durchaus ihre Qualitäten und absurden Momente hat. In dem zweifachen Oscar-Preisträger Tom Hanks, mit dem Tykwer bereits bei »Cloud Atlas« zusammenarbeitete, hat er zweifelsohne die ideale Besetzung für eine zeitgemäße Version von Arthur Millers Handlungsreisendem Willy Loman gefunden. Wobei der von Hanks beeindruckend verkörperte Alan Clay, der geschieden ist, hohe Schulden hat und seiner Tochter Kit nicht einmal mehr das College bezahlen kann, den amerikanischen Traum schon lange hinter sich gelassen hat. Selbstbetrug kommt für ihn kaum noch in Frage. Insofern ist er eher ein Seelenverwandter des entfesselten Chemikers Walter White aus »Breaking Bad« – jedoch ohne dessen kriminelles Potential.

Der privat und beruflich gescheiterte 54jährige Clay, ein Mann der Old Economy, ergreift die letzte sich ihm bietende Chance und fliegt für ein Unternehmen nach Saudi-Arabien, um König Abdullah für sein wahnwitziges Wüstenstadtprojekt ein holographisches Telekommunikationssystem zu verkaufen. Tykwer tat nicht nur gut daran, seinen Film über einen Mann aus dem analogen Zeitalter auf gutem, altem Zelluloid zu drehen, sondern lag auch mit seiner Entscheidung richtig, alle Außenaufnahmen in einer echten Wüstenlandschaft zu schießen – wenngleich seinem Team von den sich von Weltstars offensichtlich unbeeindruckt zeigenden Saudis nur eine beschränkte Drehgenehmigung erteilt wurde, so dass alle Spielfilmszenen in Marokko aufgenommen werden mussten.

Clay fliegt also nach Saudi-Arabien, muss dort aber feststellen, dass sein junges IT-Team in einem Zelt ohne Internetverbindung und Essensversorgung nicht nur handlungsunfähig ist, sondern auch, dass der König einfach nicht kommt. In der Tat scheint dieser sich für sein hybrides Großprojekt nicht mehr wirklich zu interessieren.

Die Vorgeschichte wird in Flashbacks, Traumsequenzen und Telefonaten zwischen Alan Clay und seinem Vater erzählt. Alan, ein ehemaliger Fahrradfabrikant, hatte sich einst selbst wegrationalisiert, indem er die Produktion nach China verlegte und so zum Verlierer der neuen Weltordnung wurde. Nun sitzt er einsam und verlassen im Wüstenexil, weil er zu jenen Menschen gehört, die nicht mehr an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten glauben. Neben den nächtlichen Skype-Sitzungen mit seiner Tochter, bei denen diese ihm gelegentlich in schönster Tradition von »Die fabelhafte Welt der Amélie« echte Rauchwölkchen entgegenbläst, freundet er sich mit dem jungen, saudischen Fahrer Yousef an, der von Kinodebütant Alexander Black gespielt wird. Dabei handelt es sich aber leider um eine arg entschärfte und hollywoodtauglichere Version der Romanfigur. Glücklicherweise hat Yousef – wie viele junge Saudis heutzutage – eine Zeitlang in Amerika gelebt. Während er Clay tagtäglich in die geisterhafte Retortenstadt chauffiert, erzählt Yousef ihm von seinem gefährlichen Techtelmechtel mit einer verheirateten Frau. Man streitet sich auch in ein paar humorigen Szenen über Yousefs westlich beeinflussten Musikgeschmack. Dennoch ist Yousef so wenig systemkritisch, dass er beispielsweise die täglich stattfindenden Hinrichtungen nicht hinterfragt und seinen netten Kunden mit leuchtenden Augen dazu einlädt, sich diese einmal anzuschauen. Auch als sie einmal einen – gegenüber der literarischen Vorlage leider stark abfallenden und großartiger Szenen beraubten – gemeinsamen Ausflug in die Berge zu Yousefs Verwandten unternehmen, zeigt sich der von beiden Kulturen beeinflusste, widersprüchliche Charakter von Alans Chauffeur. Alan, der von einem Bekannten beim Fotografieren erwischt wurde, erzählt diesem aus Spaß, er arbeite für die CIA. Das findet Yousef, genau wie sein Bekannter, auf einmal überhaupt nicht mehr witzig, und so lässt er seinen neuen Freund für einen Moment inmitten einer Horde entgeistert dreinblickender Araber mit Jagdgewehren hängen.

Bei seinen verzweifelten Versuchen, einen Termin beim König zu bekommen und seinem Team bessere Arbeitsbedingungen zu verschaffen, lernt er die dänische Leidensgenossin Hanne (Sidse Babett Knudsen) kennen, die ebenfalls schon 18 Monate auf ein Treffen mit dem König wartet. Zum Zeitvertreib lädt sie Alan auf ein Fest in der dänischen Botschaft ein. Die wilde Party, die ihn dort dort erwartet, wirkt im Kontrast zum Alltag in dem streng muslimischen Königreich, wo Alkohol strikt verboten ist und Geschlechtertrennung im öffentlich Leben konsequent durchgesetzt wird, besonders absurd. Hanne will Clay verführen, doch dieser leidet nicht nur unter Alkoholentzug, der sich durch die Bekanntschaft mit Hanne glücklicherweise erledigt hat, sondern auch unter Erektionsstörungen. Zudem erweckt Clay im Film den Eindruck, dass Sex ohne Liebe so gar nicht sein Fall ist.

Ein weiteres Leiden macht sich bemerkbar: Ein Geschwulst auf Clays Rücken, das im Roman so wunderbar plastisch beschrieben wird, dass man beim Lesen schon selbst beginnt, seinen Körper nach Beulen abzusuchen, bereitet ihm panische Angst und Schmerzen. So lernt er dann auch die attraktive, ebenfalls geschiedene Ärztin Zahra (Sarita Choudhury) kennen. In einer recht ausgewalzten Sequenz besucht er die zuvor eher zurückhaltende Wüstenschönheit, taucht mit ihr halbnackt ins Meer und wälzt sich schließlich mit der entflammten Frau in deren schönem Haus auf den blütendweißen Laken – die Form der bitterbösen Parabel über die globalisierte Welt hat der Film an dieser Stelle endgültig verlassen. Aus der Begegnung wird im Film eine multikulturelle Liebesgeschichte mit Happy End, was der Story die Schärfe nimmt.

Schließlich kommt es doch noch zur erfolgreichen Präsentation: Das Hologramm eines amerikanischen Kollegen, Sinnbild einer total vernetzten, illusionären Welt, erhellt das schwarze Zelt, doch man muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, wer am Ende das Geschäft macht. Aber das ist Clay wie leider auch dem Zuschauer mittlerweile fast schon egal.

Ein Hologramm für den König (D/USA 2016). Buch und Regie: Tom Tykwer, Darsteller: Tom Hanks, Sarita Choudhury, Sidse Babett Knudsen. Filmstart: 28. April

Hologramm für den König in Jungle World von April 2016