Geisterschulen und zerbrechliche Seelen
Überzeugende Kinder- und Jugendfilme der Berlinale-Sektion Generation zeigen, wie der Nachwuchs denkt und fühlt
Wer mehr darüber erfahren möchte, was sich in den Köpfen und Herzen unserer Kinder abspielt, dem kann man die Filme aus der Sektion Generation der diesjährigen Berlinale nur wärmstens empfehlen. 18 Langfilme und 23 Kurzfilme konkurrierten in der Sektion Kplus (für Kinder ab fünf Jahren) und 14plus (ab 14 Jahren) um die Gläsernen Bären.
Der einfühlsame Debütfilm „Chicas tristes“ der mexikanischen Regisseurin Fernanda Tovar räumte in diesem Jahr sowohl den Gläsernen Bären der Jugendjury, als auch den der Internationalen Jury in der Sektion 14plus ab. Erzählt wird die Geschichte einer Mädchenfreundschaft, die durch ein traumatisches Erlebnis erschüttert wird: Die 16-jährige Paula (Darana Alvarez) und La Maestra (Rocio Guz- man) sind allerbeste Freundinnen. Die ungemein authentisch von den Jungschauspielerinnen verkörperten Mädchen hängen gern gemeinsam ab oder trainieren mit ihrem Schwimmteam für den bevorstehenden Wettkampf in Brasilien.
Paula schwärmt für Daniel aus ihrer Mannschaft, doch als sie auf der Silvesterparty mit ihm im Badezimmer verschwindet, drängt er sie zum Sex, obwohl sie „nein“ sagt. Der Übergriff wird nicht gezeigt, vielmehr interessiert sich Tovar für Paulas Verhalten nach diesem Vorfall: Sie zieht sich zurück, wagt es zunächst nicht, sich ihrer Freundin anzuvertrauen, hat Angstattacken. Als sie es ihr schließlich doch erzählt, befragen die Mädchen die KI, was da eigentlich passiert ist. „Vergewaltigung“ lautet die verstörende Antwort. Daniel tut jedoch weiterhin so, als sei nichts geschehen. Und Paula hat Angst davor, nun nicht mehr dieselbe sein zu können.
Wie die beiden Mädchen um ihre Freundschaft ringen und darum, an der Vergewaltigung und ihren Folgen nicht zu zerbrechen, ist in atmosphärischen Einstellungen, die ihr Inneres spiegeln, meisterhaft in Szene gesetzt. In einer Welt, in der Jungen durch toxische Manosphere-Influencer und Pornos, die ein verdrehtes Frauenbild zeichnen, vergiftet werden, sollten solche feinfühligen Filme auf dem Lehrplan stehen.
Auch der Eröffnungsfilm der Reihe Generation 14plus nähert sich auf kunstvolle Weise einem schwierigen Thema: „Sunny Dancer“ des jungen, britischen Regisseurs George Jaques ist eine traurigschöne Comig-of-Age- Komödie, die in einem „Chemo- Camp“ für Jugendliche spielt: Ivy ist gerade mal 17 und erholt sich von einer Krebserkrankung. Da das willensstarke Mädchen sich immer mehr zurückzieht, haben die liebevollen Eltern sie einfach zu diesem „Freak Camp“ angemeldet. Bereits in den ersten Szenen, zieht Bella Ramsey – bekannt aus den Serien „Game of Thrones“ und „The Last of us“ – den Zuschauer in ihren Bann. Was für ein junges Schauspieltalent! Aber auch die anderen Jugendlichen, die sie dort kennen- und lieben lernt, berühren zutiefst, ohne dass der Film je in die kitschigen Gefilde so mancher Sick- Teen-Romance abrutscht.
In ihrer Schicksalsgemeinschaft dürfen sie endlich sie selbst sein, gemeinsam rumalbern, tanzen, sich verlieben und über die Stränge schlagen – ohne dass der Film je ignoriert, dass ihre Krankheit jederzeit wieder ausbrechen kann. Diese filmische Feier des Lebens, der Freundschaft und der Liebe – allen Schrecken zum Trotz – startet im Sommer in den Kinos. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen.
Auf der Streaming-Plattform Mubi ist bereits die queere Coming-of-Age- Komödie „Black burns fast“ gelistet. Sandulela Asandas erfrischendes Spielfilmdebüt erzählt die Geschichte der 17-jährigen Luthando, die Stipendiatin an einem streng christlichen Mädcheninternat in Südafrika ist. Die strebsame Schülerin aus armen Verhältnissen ist das Aushängeschild der Schule, aber gleichwohl eine Außenseiterin, die ihre wenige Freizeit ausschließlich mit ihrer besten Freundin verbringt. Als die neue Schülerin Ayanda in ihre Klasse kommt, fühlt sie sich zu ihr hingezogen und stürzt in ein Gefühlschaos, das Asanda mit poppig-verspielten CGI-Effekten wunderbar in Szene zu setzen versteht.
Von nun an dreht sich für Luthando alles um die Frage: Wer bin ich eigentlich und darf ich auch zeigen, wer ich bin? Schließlich ist sie im Gegensatz zu Ayanda abhängig von dem Stipendium und der ganze Stolz ihrer konservativen, alleinerziehenden Mutter. Auch im Weltbild ihrer vornehmlich weißen Lehrer, die zudem den strukturellen Rassismus in Südafrika internalisiert haben, ist für Queerness kein Platz.
Der wagemutige Film in der Tradition der Afrobubblegum-Bewegung der kenianischen Filmemacherin Wanuri Kahiu, die lebensfrohe Bilder gegen die stereotypen Darstellungen von durch Armut und Krieg geprägte afrikanische Lebensverhältnisse setzt, hat zwar im letzten Drittel kleine dramaturgische Schwächen, vermag aber insgesamt wie ein fröhlich-bunter Wirbelsturm die Herzen der Zuschauer zu erobern.
Ebenfalls um eine Schule dreht sich das sehenswerte Comig-of-Age-Mi- ni-Roadmovie „Ghostschool“ der britisch-indischen Regisseurin und Drehbuchautorin Seemab Gul, das in der Sektion Kplus gezeigt wurde – und erfreulicherweise im Herbst, während der Schulfilmwochen, auch in unseren Kinos zu sehen sein wird. Allerdings handelt es sich in dem Film um eine sogenannte Geisterschule in Pakistan. Dort gibt es über 15.000 offiziell existierende Schulen, die aufgrund von Korruption und Misswirtschaft gar nicht in Betrieb sind – während über 22 Millionen Kinder in Pakistan keinen Zugang zu Bildung haben.
Diese leidvolle Erfahrung macht auch die zehnjährige Rabia, als sie am ersten Tag nach den Ferien wieder auf die Schule in ihrem Dorf gehen will. Polizisten erklären den Schülern, dass ihr letzter verbliebener Lehrer von einem bösen Dschinn besessen und die Schule verflucht sei – und deshalb nicht mehr betreten werden darf. Die bildungshungrige Rabia ist entsetzt, in die Schule im Nachbardorf kann sie auch nicht gehen, da sie nur Jungen vorbehalten ist. So durchstreift sie an einem Tag ihr Dorf, um herauszufinden, was wirklich hinter der Sache steckt. Sie findet allmählich heraus, dass das einzige Gespenst, das in ihrem Dorf umgeht, das Gespenst der bewusst in Kauf genommenen Bildungsungerechtigkeit ist: Der einflussreiche Großgrundbesitzer ist davon überzeugt, dass es eben auch ungebildete Menschen geben muss, die die niedrigen Arbeiten verrichten, und der Bezirkskommissar hat keine Zeit für arme Leute.
Die wohlhabende Arbeitgeberin ihrer Mutter erklärt ihr schließlich, dass viele Schulen im Land nur auf dem Papier existieren, die Gelder aber weiterfließen. Dann aber macht sie dem aufgeweckten Mädchen ein fadenscheiniges Angebot: Sie könne doch als Haushaltshilfe mit ihr in ihr Haus in der Stadt mitkommen und dort zur Schule gehen. Sie verschweigt ihr jedoch, dass sie dann ganz ihrem guten Willen ausgeliefert wäre. Dieser großartig fotografierte, musikalisch toll untermalte, von magischem Realismus getragene Film von der scheinbar aussichtslosen Kampf eines kleinen Mädchens gegen Aberglaube und Korruption schenkt Hoffnung in Zeiten, in denen ein Aufbegehren gegen die Mächtigen zuweilen so aussichtslos geworden zu sein scheint.
Auch Mees Peijnenburgs Geschwisterdrama „A Family“ bietet einen bewegenden Einblick in die Erlebniswelt von Kindern. Hier geht es um Eltern, die sich trennen. In der ersten Szene sitzen die 16-jährige Nina und ihr 14 Jahre alter Bruder Eli vor der Richterin und müssen die unzumutbare Frage beantworten, bei welchem Elternteil sie leben wollen. Womöglich sogar voneinander getrennt.
Den weiteren Verlauf erzählt der niederländische Regisseur, dessen Kurzfilme aus Studienjahren bereits in der Sektion Generation liefen, zunächst aus Ninas Perspektive, im zweiten Teil wird der gleiche Zeitraum aus Elis Sicht erzählt, der die entscheidenden Situationen ganz anders erlebt. Im ersten Teil klebt die Kamera geradezu an Nina, der es egal ist, bei wem sie künftig leben wird. Hauptsache sie muss nicht mehr hin- und herziehen und die unerträglichen Auseinandersetzungen ihrer Eltern mitbekommen, die das Wohl ihrer Kinder ziemlich aus den Augen verloren haben. Sie manipulieren sie und stürzen ihre Kinder in schreckliche Loyalitätskonflikte.
Eli dagegen frisst seinen Kummer noch tiefer in sich hinein. Er mag sich überhaupt nicht entscheiden, will das alles so wird wie früher. Sein Schmerz gipfelt in dem Satz: „Ich halte das nicht mehr aus. Es muss aufhören!“ Wie viele Filme der Sektion Generation ist insbesondere dieser einer, den sich gerade auch Erwachsenen anschauen sollten, um zu verstehen, was in den zerbrechlichen Seelen ihrer Kinder vorgeht.
IN : Die Rheinpfalz / März 2026