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Feier der Hoffnung

37 Filme, 36 Länder, ein filmischer Seismograph der Gegenwart: Die Sektion Panorama der diesjährigen Berlinale bündelte wieder einmal Kino mit Haltung. Neben den traditionell queeren Beiträgen im Rennen um den 40 Jahre alt gewordenen Teddy Award fanden sich in der Programmreihe wieder viele politische Filme, die eine klare Position einnehmen.

Mehrfach prämiert – und zwar mit dem Publikumspreis, dem Cicae Art Cinema Award und dem Heiner-Carow-Preis – wurde „Staatsschutz“ von Faraz Shariat. Die explosive Mischung aus Gerichtsdrama und Thriller soll im Herbst in den Kinos starten.

Im Film absolviert die Deutsch-Koreanerin Seyo Kim – mitreißend verkörpert von Chen Emilie Yan – ihre Probezeit als junge Staatsanwältin in Brandenburg. Die junge Frau glaubt fest an die deutsche Justiz, bis zu dem Tag, als sie von Neonazis mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt wird. Die Suche nach den Tätern kommt nur schleppend voran, so dass sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln – auch verbotenerweise im Archiv des Gerichts. Sie stößt auf ähnlich rassistisch motivierte Fälle, die unverständlicherweise eingestellt wurden.

Allmählich beginnen Kim und ihre Anwältin (Julia Jentsch) zu begreifen, dass nicht nur ihr Chef auf dem rechten Auge völlig blind ist. Fasziniert verfolgt man, wie Kim sich im unerschütterlichem Glauben an das Grundgesetz durchweg weigert, Opfer zu sein – sie legt sich wie Knight Rider ein schusssicheres Muscle Car zu, lernt schießen und zerrt frühere Opfer und Täter vor Gericht.

Lehrstück aus Brandenburg

Claudia Schaefer, die auch das hervorragend adaptierte Drehbuch zu dem Migrantendrama „Ellbogen“ schrieb, recherchierte für „Staatsschutz“ spürbar mehrer Jahre an deutschen Ge- richten. Eine erschreckende Szene, in der Kim willkürlich von rechten Polizisten verhaftet wird, erinnert an Oury Jalloh, der 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte, aber auch der Anschlag von Hanau und die NSU- Mordserie kommen dem Zuschauer immer wieder in den Sinn.

Der nicht minder erschütternde Dokumentarfilm „Traces“, der ebenfalls den Panorama-Publikumspreis gewann, porträtiert ukrainische Frauen, die während des russischen Angriffskrieges Opfer sexueller Gewalt und Folter geworden sind. Regisseurin Alisa Kovalenko war selbst russische Kriegsgefangene. Ihre ebenfalls von russischen Soldaten vergewaltigte Protagonistin Iryna Dovhan gründete den ukrainischen Ableger der Organisation SEMA, einem Netzwerk für Opfer kriegsbedingter sexueller Gewalt.

In der Dokumentation schildern sechs Ukrainerinnen ihre Gewalterfahrungen durch russische Soldaten. Ihre Geschichten, die sie in oder vor ihren teilweise zerstörten Häusern in zurückeroberten Gebieten erzählen, sind nur schwer zu ertragen. Sie erzählen von Elektroschocks und davon, wie sie gezwungen wurden, eine scharfe Granate in der Hand zu halten. Und sie berichten, wie sie brutal von russischen Soldaten vergewaltigt wurden, die ihre Söhne hätten sein können. Dennoch durchzieht den ruhig erzählten Dokumentarfilm ein Gefühl der Hoffnung und der Solidarität – Hoffnung darauf, dass die Frauen dadurch, dass sie ihr Schweigen brechen, ihr Trauma besser verarbeiten können und dass die Täter dereinst vor dem UN-Strafgericht zur Rechenschaft gezogen werden. Die heilsame Schwesternschaft zwischen den Opfern ist durchweg spürbar.

Produziert wurde der Film übrigens unter anderem von der Dr. Denis Mukwege Foundation: Der kongolesische Gynäkologe Mukwege hat sich auf die operative Behandlung von im Krieg vergewaltigten Frauen spezialisiert und wurde 2018 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Eine starke Frau steht auch im Mit- telpunkt der inspirierenden Doku „Siri Hustvedt – Dance Around the Self“ von Sabine Lidl. Die Regisseurin, die 2018 auch bereits Hustvedts Ehemann, den verstorbenen Paul Auster, porträtiert hatte, begleitete die Schriftstellerin über vier Jahre. Hustvedt, die zwischen unterschiedlichen Disziplinen unterwegs ist und sich auch mit Neurowissenschaft, Psychoanalyse, Bildender Kunst und Philosophie auseinandergesetzt hat, erzählt im Film von ihrer Kindheit als braves Mädchen in Minnesota, von ihrem Ankommen in New York, ihrer Begegnung mit Auster.

Während Hustvedt über Hysterie, Femizide und wieder einmal über die Künstlerin Louise Bourgeois nachsinnt, erhält ihr „Lebensmensch“ seine Krebsdiagnose. Nach seinem Tod erzählt Hustvedt auch über die Arbeit an ihrem im März erschienen Buch „Ghost Stories“, in dem sie versucht hat, das „wir“, das sie waren, festzuhalten.

Ein ungewöhnlich intimer Dokumentarfilm ist auch „Bucks Harbour“ von Pete Muller, der den Preis der Ökumenischen Jury erhielt. Fünf Jahre lang begleitete der ehemalige Kriegsfotograf Hummerfischer in einem weit abgelegenen Ort im Osten der USA. Drei Männer und eine Familie mit zwei Söhnen geben einen tiefen Einblick darin, was es bedeutet, an einem Ort aufzuwachsen, in dem die Menschen seit Generationen der Natur ihr Überleben abringen.

Dave, ein lebenskluger Mann mit einem ansteckenden Lachen, spricht freimütig über seine frühere Drogenabhängigkeit – eine Folge des harten Arbeitsalltags – und über einen unerfüllten Traum: Als talentierter Zeichner wurde er einst an einem Kunst- College angenommen, doch die Familie konnte das Geld nicht aufbringen. Wayne, ein rauer Seebär, wuchs mit einem gewalttätigen Vater auf und geriet nach dessen frühem Tod auf die schiefe Bahn. Mark arbeitet in einem Anglerladen und bricht einfach mit traditionellen Rollenbildern: Als Jugendlicher durfte er nicht in den Theaterclub, heute postet er – zum Missfallen, aber mit Duldung seiner Frau – TikTok-Videos in Frauenkleidung.

Männerbilder wandeln sich

Die Reflexion von Männerrollen in einer harten Umgebung wird abgerundet durch den Einblick in eine Familie, in der die vorpubertären Söhne darauf drängen, es ihren Eltern gleichzutun. Diese möchten ihnen aber eine unbeschwertere Kindheit ermöglichen, als sie ihnen selbst zuteil wurde.

Faszinierende Nahaufnahmen von Hummern, die ebenso wie die Fischer unter der harten Schale einen verletzlichen Kern besitzen, runden diesen Dokumentarfilm in einer rauen Welt ab, in der sich dennoch eine sanfte Abkehr von toxischen Männlichkeitsidealen abzeichnet.

Bereits im Kino gestartet ist die selbstironische Mockumentary „The Moment“ von Aidan Zamiri, die sich auf spielerische Weise ebenfalls mit Rollenerwartungen auseinandersetzt – diesmal jedoch mit jenen, die an einen Popstar gestellt werden: Im Sommer 2024 landete die Musikerin Charli xcx mit ihrem giftgrünen „Brat“-Album einen Megaerfolg. Drei Monate nach der Veröffentlichung befinden sie und ihr Kreativteam sich in den Vorbereitungen ihrer Welttournee. Die Leute in der Musikindustrie, die kräftig an ihr mitverdienen, haben nur ein Interesse: Wie lässt sich ihr Erfolg künstlich verlängern?

Labelchefin Tammy (Rosanna Arquette) heuert den Regisseur Johannes an, der eine Amazon-Doku über ihr Konzert drehen soll. Der von Alexander Skarsgård absurd komisch gespielte Filmemacher hat jedoch merkwürdige Vorstellungen davon, wie diese Doku aussehen soll – in sei- ner Selbstgefälligkeit begreift er überhaupt nicht, weshalb die feierwütige „Brat“-Community das Album so gehypt hat. Nachdem Charli xcx sich eine Auszeit in einem Beauty-Resort gegönnt hat, kommt sie zurück und hat vollständig die Kontrolle über ihr Werk und ihr Konzert verloren.

Mit der Fake-Doku bereitet die Künstlerin der Ausbeutung des Brat-Sommers ein Ende – und hat längst ein hörenswertes Album mit dem Soundtrack zur Neuverfilmung von „Wuthering Heights“ herausgebracht.

Während der Teddy-Award an „Iván & Hadoum“ ging, eine zarte Liebesgeschichte zwischen einem Trans- Mann und einer Cis-Frau, erhielt Adrian Goigingers zauberhafter Film „Vier minus drei“ den Preis „Label Europa Cinemas“. Glücklicherweise startet dieser bereits demnächst in den Kinos. Wie gewohnt mit viel Feingefühl inszeniert der österreichische Regisseur die wahre Geschichte von Barbara und Heli. Die professionellen Clowns, die mit ihren beiden Kindern auf dem Land leben, werden mitreißend von Valerie Pachner und Robert Stadlober verkörpert. Die Haltung der Clowns, dass das Scheitern und das Lachen darüber zum Leben gehören und nur Offenheit und radikale Präsenz es lebenswert macht, hat sich tief in ihre Persönlichkeiten eingeschrieben.

Doch ein furchtbarer Schicksalsschlag stellt in diesem non-linear erzählten Drama Barbaras Lebensphilosophie radikal infrage. Der Film ist eine Feier des Lebens und der Hoffnung in einer oft auch unerträglich leidvollen Welt. Die unkonventionellen Filme der Panorama-Sektion spiegelten die ganze Bandbreite menschlicher Sehnsüchte und Erfahrungsräume wider.

Foto (c) Staatsschutz – Lotta Kilian/Jünglinge Film

In: Die Rheinpfalz / März 2026