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Alles sehen, nichts fühlen

Volker Schlöndorff erzählt in »Heimsuchung« jüngste deutsche Geschichte anhand einer herrschaftlichen Villa am Scharmützelsee.

Ein Haus als Protagonist eines Kinofilms – das gab es in der letzten Zeit öfter, sodass man fast schon von einem eigenen Genre sprechen könnte. Man denke nur an Mascha Schilinskis von der Kritik gefeierten Film »In die Sonne schauen« oder Robert Zemeckis »Here«. Auch in Volker Schlöndorffs Verfilmung von Jenny Erpenbecks Roman »Heimsuchung«, der wie Schilinskis Film seine Premiere in Cannes feierte, ist der offizielle Protagonist ein herrschaftliches Haus am Scharmützelsee.

Der heimliche Hauptdarsteller, aber wiederum auch die fragwürdigste Figur in dem mit deutschen Stars besetzten Ensemblestück ist der von Wigand Witting gespielte Gärtner: Ebenso wie das Haus wird er ungerührter Zeuge deutscher Geschichte, arbeitet für alle Besitzer, durchlebt alle Systeme. Er altert nicht einmal, dient dem Architekten, der sich mit den Nazis arrangiert, und trinkt nach Kriegsende mit den russischen Soldaten. Auch die von Kameramann Axel Schneppat eindrücklich fotografierte Natur rund ums Haus wirkt beinahe grausam in ihrer Gleichgültigkeit gegenüber Krieg, Vertreibung und Selbstmord.

Der Film beginnt vielversprechend in Schwarz-Weiß, Nebel taucht aus dem See am Haus auf, man vermag einige Gestalten auszumachen, die das Haus im Laufe seiner Existenz bewohnen werden. Doch die Bilder halten nicht, was dieser Anfang verspricht: Was folgt, ist eher eine Abfolge von Episoden als dichtes Erzählen.

Menschliche Schicksale sollten uns nicht kaltlassen

Der Tuchfabrikant errichtet auf seinem Grundstück lediglich ein typisches Badehaus, in dem er Zeit mit seiner Familie verbringen möchte. Alle eint die Sehnsucht nach einem Ort, an dem sie Tage der Unbeschwertheit und des Glücks erleben wollen. Doch wie man anfangs bereits aus dem Off erfährt: »Die Weltgeschichte hat am Ufer des Märkischen Meeres nicht haltgemacht.«

Schon bald neigt sich die Weimarer Republik dem Ende zu und der Tuchfabrikant sieht sich gezwungen, seine Parzelle weit unter Wert an seinen Nachbarn zu verkaufen, der nun unbeschwert Baracken in Konzentrationslagern plant.

Besonders eindrücklich ist diese Episode, weil Erpenbeck in ihren autobiografisch inspirierten Roman das Schicksal der jüdischen Doris Kaplan eingewoben hat, deren Spur sich im Warschauer Ghetto verliert. Die Enkelin des Tuchfabrikanten ist eine der wenigen Figuren in Roman und Film, die einen Namen trägt und nicht nach ihrer Funktion benannt ist.

Während der Architekt in den Krieg ziehen muss, bleibt seine Frau im Haus zurück. Nach Kriegsende wird sie von einem Soldaten der Roten Armee vergewaltigt. Der Film deutet die Szene so, dass die Frau weitgehend die Initiative übernimmt. Das wirkt befremdlich wie eine Altherrenfantasie und verharmlost die Gewalt.

Der Architekt kehrt aus dem Krieg zurück und kann auch noch in der DDR Karriere machen, weil Albert Speer seine Bewerbung einst abgelehnt hat. Doch dann fällt er in Ungnade und muss in den Westen fliehen.

Eine aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrte Schriftstellerin und Parteigenossin (Martina Gedeck) bezieht das Haus. Obwohl sie Privateigentum offiziell ablehnt, sorgt sie dafür, dass das Nachbargrundstück unbewohnt bleibt. Nach dem Mauerfall erhebt jedoch eine Erbengemeinschaft Anspruch auf das Haus, ein schwerer Schlag für die Enkelin, die als Erzählerin durch den Film führt. Sie ist unschwer als Alter Ego der Autorin Jenny Erpenbeck zu erkennen, deren Familie nach der Wende ebenfalls ihr Sommerhaus verlor.

Schlöndorff, mit 87 Jahren ein Altmeister der Literaturverfilmung (»Die Blechtrommel«, »Homo Faber«), inszeniert sorgfältig, aber streckenweise zu betulich, die Musik ist recht aufdringlich.

Der Gärtner und das Haus erleben als Zeugen die wechselnden Gesellschaftsformen, doch die menschlichen Schicksale werden nur oberflächlich angerissen. Sie erstarren letztlich zu Klischees – wie etwa die Funktionärin, deren Doppelmoral nur plakativ angedeutet wird – und lassen das Publikum emotional kalt.

Wie im Roman steht der Gärtner über der Geschichte – verkörpert gewissermaßen die Natur selbst. Gerade in Zeiten eines wiedererstarkenden Mitläufertums hinterlässt diese Unberührtheit jedoch einen bitteren Nachgeschmack: Menschliche Schicksale sollten uns nicht kaltlassen.

Dennoch dürfte der Film ein Erfolg werden: Erpenbecks Roman ist für die nächsten drei Jahre in einigen Bundesländern Pflichtlektüre im Deutschabitur. Und wer ein Faible für das »Haus-Genre« hat, in dem Gebäude zu stummen Zeitzeugen werden, wird hier wohl auch auf seine Kosten kommen.

Foto (c) Studiocanal

„Heimsuchung“ in nd / Okt. 2026