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Schatz, stell mal das Weihwasser kalt!

Zur Paartherapie bitte hier entlang. Eheleben, Erlösungsphantasien und Licht in der Oper

von Gabriele und Maurice Summen

»Alte Liebe rostet nicht«, heißt es. Von wegen! Wenn man wie Lore und Harry in Andreas Dresens Film »Alte Liebe« seit 40 Jahren verheiratet ist, sieht die Realität oft anders aus. Im Unterschied zur gleichnamigen Buchvorlage von Elke Heidenreich und ihrem Ex, Bernd Schroeder, hat das Ehepaar in Dresens fein inszeniertem Kammerspiel eine DDR-Vergangenheit. Empört darüber, dass seine einzige Tochter einen Großindustriellen heiraten will, weigert sich Harry, an der Hochzeit teilzunehmen. Für Lore geht das gar nicht. Fast zwei Stunden lang zanken sich die beiden, die einander in- und auswendig kennen und eigentlich immer noch lieben. Joachim Król und Dagmar Manzel könnte man ewig dabei zusehen, so grummelig-vertraut spielen sie das. Und aus ihrem Fernseher nervt Markus Lanz. Wer sich diesen Film anschaut, kann sich die Paartherapie sparen.

Doch wer mag heutzutage schon noch so hartnäckig beieinander bleiben? Nach der Hyperindividualisierung sind viele längst bei religiös-fundamentalen Erlösungsphantasien angelangt. Weltflucht als Verweigerung der irdischen Beziehungsarbeit! Jens Balzer hat in seinem Bändchen »Erlösung« die ganze antiquierte Denke zwischen Christ und Antichrist, Katechon und Eschatologie in den drei Weltreligionen säuberlich ausdifferenziert. Aber diese Weltsicht bleibt trotz seiner spitzen Feder höchst verwirrend. Dass wir gerade dieses globale Comeback religiös-fanatischer Männer erleben müssen, darf getrost als vorläufiges Scheitern der Moderne begriffen werden. Dabei stünden den Postfundamentalisten all die neuen Medien und Technologien ohne den Geist der (Post-)Moderne gar nicht zur Verfügung. Wenn sich der Antichrist nun unter dem Deckmantel einer wie auch immer gearteten »Wokeness« in Szene setzt, hilft nur noch der Griff zum Weihwasser. Oder zum Gin Tonic.

Ja, dann doch lieber dem Geist aus der Oper »Mittwoch aus Licht« von Karlheinz Stockhausen folgen, die in der Deutschen Oper Berlin ihre szenische Erstaufführung in Deutschland hat. Der »Mittwoch« ist der mittlere Teil seines Licht-Opernzyklus, in dem jeder Wochentag eine eigene Oper bekommt. Wobei der Mittwoch aus vier Teilen besteht, inklusive des berühmten Helikopter-Streichquartetts. Dieser kosmische Wahnsinn macht mehr Hoffnung als all der Fundamentalismus und die damit verknüpfte politische Regression. Erlösung gibt es ohnehin nur auf Erden: Indem man zum Beispiel als Paar letztlich – wie Harry und Lore – über den eigenen Schatten springt oder vier Streic­her:in­nen in der Höh’ lauscht.

Foto: JULIAN ROEDER

Popkolumne 15.10.26 / Jungle World