Man muss kein Schiffsnarr sein, um auf den Wogen dieses Dokumentarfilms fasziniert mitzureisen, wenngleich die abenteuerlichen Geschichten, die den ausgewählten Schiffen widerfuhren, auch für vier »Heimatfilme auf dem Meer« gereicht hätten.
Ein melancholisches Stück Zeitgeschichte, das über die Reling hinausblickt.
Wie beim Supertrumpf-Quartett lernt man per Diavortrag das erste Schiff kennen – die »Nida«. Gebaut 1986, Gefriertrawler des Typs Atlantik, Länge: 62 m, Breite: 14 m, Besatzung: 42 Mann. Laderaum für 230 Tonnen Fisch. Wie alle anderen Schiffe hat sie mehrfach den Besitzer gewechselt und fährt heute unter litauischer Flagge. Die Besatzung betrachtet ihren Kutter als ihr Zuhause. In Nahaufnahmen rückt die VEB Schiffselektronik ins Bild – wie ein stolzer Zeuge einer untergegangenen Ära, der geradezu exemplarisch für ein Erbe steht, das man nicht hätte so rücksichtslos abwickeln dürfen.
Die Menschen, die heute wieder die Rotbarsche an Bord sortieren, schildern ihre schwere Arbeit, während man sie beim Einholen des riesigen Netzes, dem Sortieren und im Lagerraum beobachten kann. Ein Mechaniker erzählt später im Film, dass »man das Gefühl bekommt, die Mechanik lebt« und dass die widerspenstige Pumpe der »Nida« ihm in brenzligen Situationen schon geholfen habe. Man merkt: Diese Menschen sind und waren mit ihren Schiffen verwoben. So bekommt man eine Ahnung von dem Abwicklungsschock, den die Seeleute nach der Wiedervereinigung erlitten haben. Im Abspann erfährt man, dass die »Nida« 2023 in Belgien verschrottet wurde.
Auch die 1958 gebaute »Blauwal«, die nach der Wiedervereinigung von ihrem alten Kapitän übernommen wurde, wird vor unseren entsetzten Augen in Dänemark abgewrackt. Der 26 Meter lange Kutter, der letzte seiner Art, liegt zunächst wie ein gestrandeter Wal da, bevor die Kräne und Bagger mit Stahlscheren ihr Werk tun. Ein Schrotthändler erzählt, dass das für die Fischer immer ein trauriger Tag sei, an dem er sich oft intensiv mit ihnen unterhalten würde.
Ole Schmidt dagegen rettete 1993 die vor Sassnitz auf Rügen liegende »Seefuchs« vor der vorzeitigen Verschrottung. Kaum zwanzig Minuten, nachdem der schlecht bezahlte Ingenieur erfahren hatte, was dem völlig intakten Kutter bevorstand, war er bereits dessen Besitzer. Glücklicherweise stiegen Freunde in das irrsinnige Projekt mit ein. Gemeinsam unternahm man jedes Jahr ein, zwei Expeditionen, von denen Archivmaterial zeugt.
2017 wurde der Kutter an die NGO Sea-Eye verkauft, die ihn für Rettungseinsätze im Mittelmeer nutzte. Auch aus dieser Zeit existiert eindrucksvolles Bildmaterial, das den mutigen Einsatz der Seenotretter*innen dokumentiert. 2018 wurde ihr Engagement jedoch von den Behörden gestoppt, indem das Schiff vor Malta festgesetzt wurde. 2021 erwarb es ein vermeintlicher Fischer aus Galizien, später wurde der umlackierte und in »Life« umgetaufte Kutter jedoch (schwer mit Haschisch beladen) von der Guardia Civil im spanischen Hafen von Huelva festgesetzt. Ole Schmidt besucht sein ehemaliges Boot ein letztes Mal und ist entsetzt vom Zustand des Maschinenraums. Allein diese abenteuerliche Episode über ein Schiff und seine wechselnden Besitzer birgt schon genug Stoff für eine abendfüllende Doku.
Wirklich sicher vor der baldigen Verschrottung ist lediglich das von der Volkswerft Stralsund 1954 gebaute Kühl- und Transportschiff »Stubnitz«, das wie seine »Mitschiffe« eigentlich einen »Industrie Design Preis« verdient hätte, wie Schmidt einmal betont: 1990 wurde es zu einem irrwitzigen Preis von einem Künstlerkollektiv gekauft und umgebaut. Es ist mittlerweile aufgrund seiner besonderen Akustik in ein Partyboot umfunktioniert worden, das dauerhaft vor Hamburg ankert.
Die DDR-Kapitäne hatten natürlich bereits geahnt, was auf sie, ihre Crews und die Schiffe zukommen würde. Es überrascht daher nicht, dass die meisten von ihnen am Tag der Wiedervereinigung, dem 3. Oktober 1990, wenig Bereitschaft für einen feierlichen Flaggenwechsel zeigten, wie zeitgenössische Aufzeichnungen belegen.
In der Regel war es für die Kapitäne damals mit der Seefahrt vorbei. Freddy Quinns »Abschied vom Meer« schien das passende Lied in diesen Zeiten, in denen man sein Schiff, aber auch ein Stück Heimat und Identität verlor. Solche über den Film verstreuten Tagebucheinträge fügen sich zu einem Mosaik einer verschwundenen Arbeitswelt zusammen. Ein melancholisches Stück Zeitgeschichte, das über die Reling hinausblickt.
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