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Das Schweigen der Kormorane

Hiroko Oyamadas Roman „Die Fabrik“ beschreibt die Arbeit als sinnentleerten Totalzustand

In Japan hat Arbeit einen beinahe sakralen Stellenwert. Etliche Menschen ereilte bereits der Tod durch Überarbeitung – es gibt sogar ein eigenes Wort dafür: Kar shi. Hiroko Oyamada kann ein Lied davon singen. Sie hat vor dem Studium erst einmal als Zeitarbeiterin bei einem Automobilhersteller gejobbt – die Erfahrung, die ihrem Roman „Die Fabrik“ zugrunde liegt. 2013 bekam sie dafür den Shinchō-Preis. Jetzt ist das Buch in der Übersetzung von Nora Bierich auf Deutsch erschienen.

Ihr Debütwerk liest sich wie ein Kafka-Roman, entfaltet dabei jedoch eine unheilvolle, surreale Atmosphäre, als befände sich der Leser in einer Schauergeschichte von Edgar Allan Poe. Drei Menschen treten zu Beginn in der Fabrik, die „größer als eine normale Stadt“ ist, eine neue Stelle an. Yoshiko, eine junge Frau mit Studienabschluss, wird als Zeitarbeiterin angestellt. Sie bekommt die Aufgabe zugeteilt, tagein, tagaus Papiere zu schreddern. „Schon nach einem Tag hast du dich so an den Arbeitsablauf gewöhnt, dass du … keine einzige Zelle deines Gehirns in Anspruch nimmst“, stellt sie schon bald fest.

Der Biologe und Moosforscher Yoshio Furufue, der mit seinem schlecht bezahlten Job an der Uni eigentlich recht glücklich war, landet auf Empfehlung seines Mentors ebenfalls in der Fabrik. Perspektivisch soll er die zahllosen Dächer begrünen, bekommt aber keine weiteren Mitarbeiter zur Seite gestellt. Zwar erhält er ein hohes Gehalt und sogar eine eigene Wohnung auf dem Gelände, verzweifelt jedoch zunehmend daran, dass seinem Chef das Projekt egal zu sein scheint. Als er wieder einmal vergeblich versucht, einen Auftraggeber zu sprechen, bekommt er zur Antwort, er solle sich nicht hetzen, denn „das Leistungsprinzip passt nicht zu uns Japanern“. Man meint, die Autorin bitterböse kichern zu hören.

Ein anderer junger Mann, ein frisch gekündigter Systemtechniker, bekommt ebenfalls eine Arbeit zugeteilt, deren Sinn sich ihm nicht erschließt: Er wird als Korrektor eingestellt und prüft Texte, die teilweise schon Jahre alt sind. Eine Kollegin sagt ihm, es sei auch nicht schlimm, wenn er etwas übersehen würde. Manchmal landen dieselben Papiere mit noch mehr Fehlern als zuvor auf seinem Schreibtisch.

Dennoch fügen sich alle in ihr Schicksal, denn die Konjunkturlage ist schlecht, und in der Fabrik zu arbeiten gilt als großes Glück. Vom Wohnviertel über Restaurants bis zur Tankstel- le: Das Fabrikareal ist eine autarke Stadt ohne Namen. Ein Shincho-Priester und eine gruselige Fabrikhymne vervollständigen das Bild einer Arbeitswelt, aus der es kein Entkommen mehr zu geben scheint. Die Sinnfrage wagen viele gar nicht mehr zu stellen. „Anscheinend spielt es keine Rolle, was ich selber wollte“, beklagt sich einer der Protagonisten früh, ohne jedoch Konsequenzen zu ziehen.

Nicht nur, dass keiner weiß, was die Firma eigentlich herstellt: Auf dem Gelände tummeln sich auch noch riesige, pechschwarze Vögel, die es nur dort gibt – die sogenannten Fabrik- Kormorane. Sie können nicht weit fliegen, scheinen nicht miteinander zu kommunizieren und ernähren sich von den Essensresten der Angestellten. Täglich werden es mehr. Viele von ihnen halten sich an einem Fluss auf, der ins Meer mündet. Über ihn spannt sich eine Brücke zur anderen Sektion der Fabrik. Ihr Ende ist mit bloßem Auge nicht auszumachen.

Im fabrikeigenen Wald treibt ein Hosenzieher sein Unwesen, den aber niemand belangt. Auch gehört es zur Maxime der Fabrik, die monströsen Biberratten nicht auszurotten. Oyamada lässt die Perspektiven der drei Ich-Erzähler ineinander übergehen; Zeitsprünge werden nahtlos aneinandergereiht, die Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen sind sinnentleert und empathielos. Zunehmend läuft dem Leser ein Gefühl der Entfremdung und des Nicht-Entrinnen- Könnens aus diesem entmenschlichten Ort kalt den Rücken hinunter. Wie ein aus der Zeit gefallener Albtraum wirkt Oyamadas Roman – man verschlingt ihn in der Hoffnung auf eine Befreiung am Ende.

Foto (c) Shinchosha

In: Die Rheinpfalz von Juni 2026