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Wenn die Frauen gewinnen

»The Woman King« ist eine sehenswerte, ungewöhnliche Mischung aus Drama, Historienepos und Actionspektakel

Der Film »The Woman King« ist ein Kriegsdrama, aber auch für Pazifist*innen geeignet. Es beginnt mit einer spektakulären Szene: 1823 in Dahomey, dem heutigen Benin, eine Gruppe von Männern sitzt am Lagerfeuer. Plötzlich horchen sie auf. War da nicht ein Geräusch im hohen Gras? Als ein Schwarm Vögel auffliegt, atmen sie erleichtert auf. Doch kurz darauf taucht eine furchterregende Amazone mit einer Machete in der Hand aus dem Gestrüpp auf – es ist Nanisca, die Anführerin der Agojie, einer weiblichen Elite-Kampftruppe. Dann tauchen weitere, wutschnaubende Kriegerinnen hinter ihr auf. Absoluter Gänsehautmoment. Eine Szene für die Ewigkeit.

Dann folgt eine von Kamerafrau Polly Morgan fesselnd fotografierte, perfekt choreografierte Schlacht mit hohen Verlusten auf beiden Seiten und dem Sieg der Amazonen – sie befreien ihre Verwandten, die von den brutalen Oyo an europäische Sklavenhändler verkauft werden sollten. Nanisca, die unerschrockene Kriegerin, wird von Oscarpreisträgerin Viola Davis verkörpert. Diese ausschließlich weibliche Armee des Königreichs Dahomey hat es tatsächlich einmal gegeben. Sie waren auch das Vorbild für die Kriegerinnen in der erfolgreichen Marvel-Verfilmung »Black Panther«. Was wiederum dem Film »The Woman King«, der vorher kaum zu finanzieren war, den Weg ebnete.

Was für ein Glück, dass Regisseurin Gina Prince-Bythewood, die zuletzt als erste, schwarze Regisseurin mit ihrem Action-Spektakel »The Old Guard« die Netflix-Charts anführte, und Drehbuchautorin Dana Stevens nun leibhaftige Superheldinnen aus dem westafrikanischen Königreich wieder auferstehen lassen. In Erinnerung an diese stolzen Frauen, die über 300 Jahre lang Dahomey verteidigten, haben sie eine ihrer Hauptfiguren nach der letzten bekannten Agojie-Kriegerin benannt: Die 19-jährige Nawi, herausragend von Thuso Mbedu verkörpert, wird kurz nach der Schlacht am Anfang Mitglied der Agojie. Sie muss sich zu absolutem Gehorsam verpflichten und auf Männer verzichten. Sie darf also auch nicht schwanger werden. Zuvor hat sich die junge Frau gegen den Mann gewehrt, den sie heiraten sollte – als der sie schlug. Daraufhin wurde sie von ihrem lieblosen Adoptivvater an den Toren des Königspalastes abgeliefert.

Die Offizierin Izogie, ebenfalls hinreißend verkörpert von der als 007-Nachfolgerin gehandelten Lashana Lynch, nimmt sich Nawi an. Sie hat Humor und hält Whisky für das einzig Positive, was die Europäer den Afrikaner jemals gebracht haben. Nawi ist anfangs verunsichert und störrisch, doch dann entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Ihre berührende Geschichte allein lohnt schon den Besuch dieser ungewöhnlichen Mischung aus Drama, Historienepos und Actionspektakel. Endlich wieder einmal darf man im Kino charakterstarke Frauen, die im Verlauf des Films glaubwürdige und berührende Wandlungen durchmachen, erleben. Das ist eine etwas andere Heldinnenreise, die sich von Filmen wie »Braveheart« oder »Gladiator«, die sowohl vor als auch hinter der Kamera von Männern dominiert waren, gewinnbringend unterscheidet.

Es gibt auch Schwächen im Drehbuch. So wirkt die Liebelei zwischen Nawi und Malik (Jordan Bolger) einem portugiesischen Pin-up-Boy, dessen Mutter eine Sklavin aus Dahomey war, eher störend und stellenweise sogar unfreiwillig komisch. Doch die Liebe, Freundschaft, Hingabe und Solidarität unter den Frauen, ihre unantastbare Würde und ihr Löwinnenmut machen dieses Geschichtsdrama zu einem Erlebnis. Hier wurden 50 Millionen Dollar Produktionsbudget sichtbar sinnvoll angelegt – Score, Kamera, Schnitt, Kostüme und Szenenbild dienen auf höchstem Niveau einem Film, bei dem man bestens unterhalten wird und zudem noch eine Menge lernen kann.

Viola Davies als Nanisca ist schlichtweg atemberaubend, ihre Leinwandpräsenz und ihre Fähigkeit, die inneren Kämpfe der Anführerin dieser Elitetruppe spürbar zu machen. Sie ist befreundet mit Amenza (Sheila Atim), der spirituellen Führerin der Königsgarde. Ihr gegenüber zeigt sich die Kriegsveteranin verletzlich, zudem teilt sie mit ihr ein schmerzliches Geheimnis. Nanisca überzeugt den jungen König Ghezo (John Boyega), keine Gefangenen mehr als Sklav*innen zu verkaufen. Sie erklärt ihm, dass diese Politik auf Dauer ein böses Ende nehmen wird und zwar für alle Menschen in Afrika. Auch wenn der Reichtum in Dahomey auf dem Sklavenhandel beruht.

Auch diesen König hat es wirklich gegeben. Allerdings hat er erst 1852 damit aufgehört, Menschen zu exportieren. Als der König im Film den Handel stoppt, ärgern sich die übermächtigen Oyo, denen der Regent regelmäßig Tribut zahlen muss. Nun gilt es in einer übermenschlichen Kraftanstrengung, sowohl die Oyo zu besiegen als auch die Sklavenhändler zu vertreiben. Doch so spektakulär die Kämpfe und Siege der Frauen in diversen Schlachten auch immer wieder anzuschauen sind, weitaus wirkungsvoller sind die Szenen, in denen man sieht, wie diese Frauen füreinander einstehen und sich gegenseitig von ihren Traumata heilen. Und deshalb ist der Film auch für Pazifist*innen äußerst sehenswert.

Woman King in nd von Okt. 2022

Foto (c) picture alliance / AP