Ein Traum von einem Baum
Im essayistischen Drama »Silent Friend« zeigt die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi, wie ein Ginkgo drei Zeitepochen als stiller Zeuge begleitet
Was nehmen Pflanzen eigentlich wahr? Die Mimose klappt beispielsweise ihre Blätter bei Berührung zusammen. Pflanzen können erwiesenermaßen auch Warnsignale weitergeben, reagieren auf Duftstoffe wie Schweiß oder Nikotin oder Kaugeräusche von Insekten. Sie zeigen auch lernähnliche Effekte, zum Beispiel reagieren sie bei wiederholten Trockenheitsphasen zunehmend schneller.
Doch erkennen sie auch Menschen, die sie regelmäßig pflegen, nehmen sie ihre Gefühle und Absichten wahr? Was wäre, wenn sie uns genauso beobachten, wie wir sie? Was macht man, wenn man mit einem Wesen in Verbindung treten will, aber keine gemeinsame Sprache hat?
Rund um diesen spannenden Themenkomplex hat die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi einen poetisch-meditativen Arthouse-Film gedreht: »Silent Friend«. Bereits 2017 gewann sie mit dem ähnlich geheimnisvollen Melodram »Körper und Seele«, das zwei Menschen zeigt, die in ihren Träumen einander in Tiergestalt begegnen, auf der Berlinale den Goldenen Bären.
Erzählt wird in »Silent Friend« aus der Perspektive eines weiblichen Ginkgobaums, der im Botanischen Garten der Universität Marburg steht. Immer wieder streift die Kamera von Gergely Pálos behutsam an seinem Stamm entlang, nimmt uns in das Innere seines Wurzelwerks mit oder fängt sein Verhältnis zu den Tieren des Parks ein.
Drei kunstvoll miteinander verschränkte Zeitepochen begleitet der majestätische Baum als stiller Zeuge: Im Jahr 1908 wird die blitzgescheite Studentin Grete, herausragend von Luna Wedler verkörpert, als erste Frau für das Studium der Biologie zugelassen. In Venedig wurde Wedler dafür als beste Nachwuchsdarstellerin prämiert. In einer schwer erträglichen Szene zu Beginn trotzt sie unbeirrbar ihren sexistischen Prüfern. Später tritt sie gegen Kost und Logis eine Assistenzstelle bei einem – von Martin Wuttke wunderbar verschroben verkörperten – Fotografen an. Schon bald kommt sie auf die Idee, das fragile Wesen der Pflanzen mithilfe der Daguerreotypie festzuhalten, und legt so den Grundstein für ihre Karriere als Pflanzenfotografin.
Die Erzählung rund um Grete wird in strengen 35-mm-Schwarzweiß-Aufnahmen festgehalten, während Enyedi sich für die Episode, die in den 70er Jahren spielt, für körnig-lässigen 16-mm-Farbfilm entschied, was ebenfalls den Zeitgeist hervorragend unterstreicht.
Hannes (Enzo Brumm), ein junger Literaturstudent vom Land, der sich unter seinen rebellischen Kommilitonen sichtlich unwohl fühlt, verliebt sich in die lebhafte Biologiestudentin Gundula (Marlene Burow). Auch sie fühlt sich zu dem schüchternen jungen Mann hingezogen und vertraut ihm, während sie auf Reisen geht, ihr Herzensprojekt an: Mithilfe ihrer – mit einer Art Seismografen verkabelten – Geranie auf der Fensterbank will sie erforschen, was Pflanzen wahrnehmen.
Während der Flirt zwischen Hannes und Gundula leider recht hölzern erzählt wird, wächst sich Hannes Pflege der Geranie zu einem weiteren Highlight des Filmes aus: Eigentlich hat der Bauernsohn die Nase voll von Pflanzen, entwickelt aber zu der Geranie, die ihm nach einer Weile per Elektroimpuls sogar das Gartentor öffnet, eine enge Beziehung. Als seine Kommilitonen einmal in den Geranientopf aschen und sie zu zerstören drohen, bekommt nicht nur Hannes einen Schreck, sondern auch die Zuschauer – so sehr vermag Enyedi uns in die unbekannte Welt der Pflanzen hineinzuziehen.
Die dritte Episode, die in der Gegenwart, während der Corona-Pandemie, spielt, ist zeitgemäß in HD eingefangen. Der Neurowissenschaftler Tony (»In the Mood for Love«-Star Tony Leung) erforscht die kognitive Entwicklung von Babys. Zu Beginn sehen wir in einer eindrucksvollen Szene, wie er seinen Studenten erklärt, dass Babys fast alle Areale ihres Gehirns nutzen, um die Welt wahrzunehmen. Demgegenüber ist die Hirnaktivität von Erwachsenen – außer unter Drogeneinfluss – auf einen Bereich begrenzt. Faszinierend, wie erkenntnisreich dieser ungewöhnliche und ästhetisch meisterhaft komponierte Film auf so vielen Ebenen ist.
Als Covid jedoch Tony zusammen mit einem grimmigen Hausmeister ganz allein an der Uni festsetzt, beginnt er aus Einsamkeit und unstillbarer wissenschaftlicher Neugier mit dem Ginkgobaum zu experimentieren und ihn zu verkabeln. Fachlich wird er dabei von der per Zoom zugeschalteten Botanikerin Dr. Alice Sauvage (Léa Seydoux) unterstützt. Diese forscht zur Kommunikation zwischen Pflanzen.
Auch bei dieser Episode vernachlässigt Enyedi wieder ein wenig die Psychologie ihrer Figuren; man versteht zunächst nicht, warum der Hausmeister Tonys Arbeit boykottiert. Doch als die beiden ihre Verständigungsschwierigkeiten mithilfe eines Übersetzungsprogramms auf dem Handy lösen, bekommt Enyedi wieder die Kurve zu ihrem eigentlichen Thema, dem naturgemäß unvollständigen Blick der Menschen auf die Wirklichkeit, dem wir kaum entrinnen können.
Ihr essayistisches Drama, das nachhaltig das Zeitgefühl verändert, erinnert uns zärtlich an unsere eingeschränkte Wahrnehmung der Welt – und das ist letztlich eines der besten Komplimente, das man einem Film machen kann.
Foto (c) Pandora Film
„Silent Friend“ in nd von Jan. ’26