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Foto (c) Getty Images

Der Holzschlachter

Querkopf, Grantler, Rebell, Kraftmeier – die Liste der Eigenschaften, die man dem Schauspieler, Autoren, Bauern und Filmemacher Josef Bierbichler zuschreibt, ist lang.Er ist ein außergewöhnlich komplizierter Mann, einer der ganz tiefe Abgründe hat…“ sinniert Werner Herzog in Regina Schillings aufschlussreichem filmischen Porträt aus dem Jahre 2007.

Mit Herzog drehte Bierbichler seinen zweiten Film. Dessen Schwester Sigrid, damals Lehrerin an der renommierte Otto Falckenberg-Schule in München, hatte ihrem Bruder von der Aufnahmeprüfung des 23-jährigen Bierbichlers erzählt: “Da war ein Berserker, der hat wohl heimlich im Stall Hamlet-Monologe gegen das Vieh angebrüllt.”

Der für seine Kompromisslosigkeit berüchtigte Herzog war natürlich begeistert und engagierte Bierbichler vom Fleck weg für die Rolle des Hellsehers Hias in seinem traumverlorenen Film „Herz aus Glas“. Später drehte er mit ihm noch an der Seite von Klaus Kinski und Eva Mattes „Woyzeck“.

Doch wie kommt ein urbayerischer Bauernsohn auf die Idee zum Theater zu gehen?Schauspieler zu werden, bezeichnete Bierbichler einmal als eine Art Reflex, zudem habe er als Landwirt Minderwertigkeitskomplexe gehabt und keine Arbeit machen wollen, die er als solche empfinde.

Geboren wurde er 1948 in Ambach am Starnberger See. Mit 13 ging er auf ein katholisches Internat in Donauwörth, danach besuchte er eine Hotelfachschule, denn seine Eltern wollten, dass der „Sepp“, wie einige „den Bierbichler“ nennen, den Hof mitsamt der Gaststätte „Fischmeister“ übernehmen sollte. Dort wohnt er übrigens heute noch.Doch dann kam alles ganz anders.

Erste Schauspielerfahrungen sammelte Josef beim Laientheater in der Schule. Prägend war auch seine Begegnung Mitte der Siebziger mit dem Freigeist Herbert Achternbusch, der mit Bierbichlers Schwester Annamirl acht Jahre lang liiert war. Gemeinsam lebten sie in dem Elternhaus der Geschwister und drehten subversive Anarcho-Filme wie „Bierkampf“, „Das Gespenst“ und „Heilt Hitler!“. Doch später kam es zum Bruch zwischen den beiden, der nie wieder gekittet werden sollte.

Nachdem Bierbichler die Schauspielschule absolviert hatte, machte er sich rasch auf den Theaterbühnen in München, Hamburg, Berlin und Wien einen Namen, obwohl oder gerade weil er den bayerischen Dialekt nie ablegte. Sein Durchbruch gelang ihm mit dem Stück „Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben“, in dem er einen Jäger spielte. Viele weitere Glanzauftritte folgten, so spielte er beispielsweise den „Faust“ unter der Regie von Christoph Marthaler, den Lopachin in Peter Zadeks „Kirschgarten“ und in Christoph Schlingensiefs „Atta Atta“. Dreimal wurde er von Kritikern der Zeitschrift „Theater heute“ zum Schauspieler des Jahres gewählt.

2005 kehrte er den Münchner Kammerspielen, lange Jahre ein Stammhaus, den Rücken. Er hatte „keine Lust mehr…in einem Stück eine Rolle zu spielen“ – nur um ein Jahr später mit „Holzschlachten“ an der Schaubühne einen Riesenerfolg zu feiern. Dazu fällte das bayerische Urgestein Bäume in seinem heimischen Wald, fuhr damit nach Berlin und spaltete sie rhythmisch mit der Axt. Seine Textcollage von dem ehemaligen KZ-Arzt Münch sagte er nebenher auf. Er habe den Schauspielern mal zeigen wollen, was wirkliche Arbeit ist und schließlich sei Holzhacken das einzige, was er wirklich könne. 2008 wurde er für dieses ungewöhnliche Konzept mit dem Theaterpreis Berlin ausgezeichnet. Unorthodox war Bierbichler immer. Als Kolumnist für „Theater der Zeit“ übte er schärfste Kritik am Kapitalismus, 2004 kämpfte er für Stolpersteine in München und marschierte an vorderster Front bei den Anti-Pegida-Demos mit.

Auch bedeutende Film und TV-Regisseure rissen sich um ihn. So spielte er in Tom Tykwers „Die tödliche Maria“, beeindruckte in Michael Hanekes „Das weiße Band“ und in der Wolf Haas-Verfilmung „Der Knochenmann“. 2007 erhielt er den Deutschen Filmpreis als Bester Schauspieler für seine Rolle als manisch-depressiver Eisenwarenhändler in Hans Steinbichlers „Winterreise“. Zur Zeit ist er in ausgewählten Kinos mit seinem Heimatfilm „Zwei Herren im Anzug“ zu sehen. Nach „Verfluchtes Fleisch“ im Jahre 2001 schrieb er mit der Roman „Mittelreich“ sein zweites autobiographisch gefärbtes Buch – und verfilmte es sogleich in Personalunion als Autor, Schauspieler und Regisseur. Sein Zwillingssohn Simon Donatz, der ihm sehr ähnlich sieht, spielt dort wie sein Vater eine Doppelrolle. Der monumentale Film handelt von drei Generation einer zerrütteten, bayerischen Bauern- und Wirtsfamilie.

Am 26. April wird der umtriebige Bierbichler 70 Jahre alt. Kaum anzunehmen, dass der Holzschlachter sich sobald zur Ruhe setzt.

In: Rheinpfalz vom 21.4.2018