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Foto (c) Wild Bunch Germany

Filmische Zeitenwende

Schauspielveteranin Emma Thompson brilliert in einer tragischen Sexkomödie, die in Hollywood hoffentlich neue Maßstäbe in puncto Bodyshaming setzt.

Die pensionierte Lehrerin Nancy Stokes (grandios: Emma Thompson) hatte noch nie einen Orgasmus. Sie nimmt allen Mut zusammen und bestellt sich den titelgebenden Callboy und Hobby-Sextherapeuten Leo Grande (ebenfalls großartig: der irische Newcomer Daryl McCormack) auf ihr Hotelzimmer. Doch die Jahre des sexuellen Frusts in der Missionarsstellung und ein Leben, in dem sie weder von ihrem verstorbenen Ehemann noch von ihren Kindern gesehen wurde, haben tiefe Spuren hinterlassen. Dennoch ist Nancy wild entschlossen endlich einmal Oralsex erleben – den ihr ihr Gatte stets verweigert hat. Außerdem will sie nie wieder in ihrem Leben einen Orgasmus vortäuschen. Auf der Liste der kontrollierten Frau stehen noch einige andere Sexpraktiken, die sie gerne “abhaken” möchte.

Dem einfühlsamen Leo gelingt es in dieser intensiven, kammerspielartigen Inszenierung der Australierin Sophie Hyde (“Animals”, “52 Tuesdays”) peu à peu Nancys gnadenlose Selbstkontrolle und die Unzufriedenheit mit ihrem Körper aufzuweichen. Keiner der beiden ist auf den Mund gefallen und ihre Begegnungen entbehren neben der herrlichen Situationskomik nicht einem echten, zutiefst menschlichem Interesse aneinander. So bucht Emma den attraktiven Sexarbeiter wieder und wieder, kann es aber nicht lassen ein wenig an seiner sanft-professionellen Fassade zu kratzen. Schließlich überschreitet sie eine Grenze, indem sie im Netz nach seiner wahren Identität forscht.

Gegen Ende dieses in drei Akte und einen Epilog aufgeteilten Tragikkomödie, die auf einem Theaterstück der britischen Komikerin Katy Brand beruht und beim Sundance Festival 2022 seine Premiere feierte, steht die 62-jährige, zweifache Oscarpreisträgerin splitterfasernackt vor dem Spiegel und erfreut sich endlich ihres eigenen Körpers. Bemerkenswerte, filmische Zeitenwende wider Bodyshaming.

“Meine Stunden mit Leo” in Kölner Stadtrevue von Juli 2022