Von der Kunst, das Leben zu ertragen
Der Roman „Diebstahl“ von Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah blickt ins postkoloniale Tansania
2021 bekam Abdulrazak Gurnah den Nobelpreis für Literatur. Kaum jemand in Westeuropa kannte zu der Zeit den in Sansibar geborenen Schriftsteller, der mit 18 Jahren nach Großbritannien ausgewandert war und die britische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Dabei zählte er zu den bedeutendsten Autoren Ostafrikas und war 1994 bereits unter den Finalisten im Rennen um den renommierten Booker Prize. Als das Nobelpreiskomitee anrief, arbeitete der 77- Jährige bereits an seinem elften Roman „Diebstahl“, der nun auch auf Deutsch vorliegt.
Wie auch in seinen früheren Romanen geht es um nichtprivilegierte Menschen, die im Alltag mit ihren Problemen fertig werden müssen. Raya, Karim, Badar und Fauzia heißen die Figuren, die der Autor unaufgeregt auf einem Stück ihres Lebensweges im postkolonialen Tansania begleitet.
Zunächst lernt man die schöne Raya kennen, die in den 1980ern sehr jung mit einem deutlich älteren Mann verheiratet wird. Als ihr gemeinsamer Sohn Karim drei Jahre alt ist, hat sie genug von der „männlichen Gier“ ihres Ehemanns, der sie ständig zum Beischlaf nötigt, und zieht zu ihren Eltern zurück. Das Verhältnis zu ihrem Sohn ist distanziert, und als Karim ein Teenager ist, zieht sie ohne ihn nach Daressalam, um dort kurz darauf erneut zu heiraten. So wächst der ehrgeizige Junge bei seinen Großeltern und später bei seinem Halbbruder Ali auf – erst zum Studium verlässt auch er Sansibar, zieht in die Hauptstadt Tansanias und nimmt den Kontakt mit seiner Mutter wieder auf.
Nun wendet sich der personale Erzähler dieses großartig komponierten Romans dem heimlichen Protagonisten der Geschichte zu, der ein klassischer Antiheld ist: Badar ist als armes Pflegekind auf dem Land aufgewachsen, als 13-Jähriger muss der durchaus clevere Junge die Schule verlassen. Sein Pflegevater bringt ihn zu Raya und ihrem wohlhabenden Ehemann, wo er als Hausangestellter anfängt, im Grunde genommen abe30 wie ein Leibeigener behandelt wird. Der sympathische Badar, der an den stillen und integren Helden in John Williams großartigem Roman „Stoner“ erinnert, ergibt sich dort in sein Schicksal. Er bleibt stets gütig, besonnen und liebevoll, lernt „das Leben zu ertragen“.
Raya und der Apothekenbesitzer Haji Othmann sind recht freundlich zu ihm, doch der Vater von Haji, der auch im Haus lebt, scheint ihn zu hassen und beschuldigt ihn nach einiger Zeit zu Unrecht des titelgebenden Diebstahls. Auch Karim wird später unter anderen Umständen unrechtmäßig des Diebstahls bezichtigt. Doch womöglich ist der größte Diebstahl, mit dem beide fertig werden müssen, der einer unbeschwerten Kindheit. Der mittellose Badar muss dennoch gehen, doch glücklicherweise besorgt ihm Karim einen Job in einem kleinen Hotel auf Sansibar.
In diesem Setting werden die Nachwirkungen des Kolonialismus, die Gurnah so meisterhaft in seinem Roman „Nachleben“ beschrieben hat, noch spürbarer werden. Doch zunächst wird noch die wissbegierige Fauzia eingeführt, die sich ihren Traum erfüllt, Lehrerin zu werden. Sie heiratet Karim, der nach der Geburt seines Kindes eine erschreckende Lieblosigkeit offenbart und Fauzia kurz darauf mit einer NGO-Mitarbeiterin betrügt. Dieser Engländerin, Nachfahrin der ehemaligen Kolonialmacht, ist ihre herablassende, latent rassistische Art nicht einmal bewusst.
So erdreistet sie sich, die belesene Lehrerin zu fragen, „ob die Bücher alle Fauzia gehören und ob sie die alle verstanden hat“.
Die vermeintlich selbstlosen Entwicklungshelfer und Touristen werden alle in unaufgeregtem Ton kritisch beleuchtet. So fragt sich Badar, welche Aufgabe die Betreuerin einer Freiwilligenagentur wohl „während der guten alten Kolonialzeit gehabt hätte“, oder er stellt fest, dass die Touristen immer „so etwas Gebieterisches, Distanziertes in ihrem Gesicht“ haben. Ein Paar fragt Badar einmal nach dem Haus eines dänischen Ge- würzhändlers aus dem 19. Jahrhundert, doch Badar muss passen. Darauf reagieren sie hochmütig und unverschämt mit den Worten: „Tja, mein Junge, es ist wirklich zu schade, dass du dich nicht für deine eigene Geschichte interessierst.“ Fauzias Mutter fasst das Benehmen dieser Leute einmal in drastischen Worten zusammen: „Diese Helfer mit ihren dicken Autos und ihren guten Absichten. Sie sollten zu Hause bleiben und mit ihren guten Absichten ihre Landsleute beglücken.“
In diesem postkolonialen Szenario müssen sich Badar, Karim und Fauzia behaupten, sich den Prüfungen des Lebens stellen und ihren Platz in der gewandelten Welt finden. Ihr Schicksal, dem man gebannt folgt, geht nahe, man erspürt ihre Charaktere durch ihre Handlungen und nicht durch eine psychologisierende Innenschau. Besonders Badar wächst einem ans Herz, seine freundliche und achtsame Haltung gegenüber dem Leben hallt noch lange nach, nachdem man das Buch still geschlossen hat.
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