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Der Teufel trägt Jutebeutel

Die Mainzer Autorin Caroline Wahl hat einen Roman über ihre Zeit als Verlagsassistentin geschrieben. Und sieht sich plötzlich mit Häme konfrontiert, obwohl sie seit „22 Bahnen“ einen Platz auf den Bestsellerlisten nahezu abonniert hat. Was stört die Leser an „Die Assistentin?“

„Die Assistentin“, das neue Buch von Caroline Wahl, hat, gelinde gesagt, bislang nicht allzu viele Fans. Dabei gelang der Mainzer Autorin mit ihren ersten beiden Coming-of-Age-Roma- nen „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ ein bemerkenswerter literarischer Durchbruch. Packend erzählt, getragen von einem eigenen Sound, schildern beide Werke aus unterschiedli-chen Perspektiven das Leben zweier Schwestern, die mit einer alkoholkranken Mutter aufgewachsen sind. Ihr bildstarkes Debüt läuft inzwischen sogar in den Kinos. Auf BookTok wurden Wahls Romane gehypt, monatelang rangierten ihr Bücher ganz oben in der „Spiegel“-Bestsellerliste.

Doch nun scheint die selbstbewusste Autorin, die offen mit ihrem Ehrgeiz umgeht, bei etlichen ihrer Fans rückwirkend in Ungnade gefallen zu sein: „Armutsporno“ lautet plötzlich der Vorwurf, da Wahl selbst aus gutbürgerlichen Verhältnissen kommt. Zum Ärger einiger träumte sie auch noch öffentlich davon, sich von ihren Tantiemen einen Porsche zu kaufen. Nanu, denkt man sich, muss man jetzt selbst einen Mord begehen, um berechtigt zu sein, einen Krimi zu schreiben? Und darf nur Christian Lindner Porsche fahren?

Nun hagelt es für ihren neuen Roman „Die Assistentin“ also plötzlich schlechte Bewertungen auf Portalen, und namhafte Kritiker werfen Kollegen vor, zu schonend mit Wahls Werk umzugehen.

Doch worum geht es denn in ihrem Roman „Die Assistentin“, dem ein deutlicher autobiografischer Bezug innewohnt? Eine junge Frau tritt eine Stelle als Assistentin in einem großen Münchner Verlag an und wird von ihrem narzisstischen Chef, der seine Macht missbraucht, nach Lust und Laune verbal attackiert und übergriffig behandelt

Caroline Wahl selbst hat vor ihrem literarischen Durchbruch als Assistentin im Diogenes Verlag in Zürich gearbeitet und mehrfach in Interviews erzählt, wie schlimm diese Zeit für sie war. Auch sonst weist sie viele Gemeinsamkeiten mit ihrer Protagonistin Charlotte Scharf auf, die wie sie das Meer und extravagante Kleidung liebt und neben der deprimierenden Arbeit im Verlag in den Abendstunden an ihrem Durchbruch als Künstlerin arbeitete.

Gleich im ersten Satz des Romans heißt es, dass bereits Charlottes Bewerbung „eine riesengroße Fehlentscheidung“ war. Eigentlich wollte sie sich an der Popakademie bewerben, traute sich aber nicht. Als sie die Stelle bekommt, zieht sie in ein heruntergekommenes Mietshaus.

Zunächst teilt sie sich das Büro mit einer weiteren Assistentin, die jedoch bei ihrem exzentrischen Chef Ugo Maise, recht schnell in Ungnade fällt und entlassen wird. Die ehrgeizige Charlotte dagegen, eine junge Frau „mit Vaterkomplex“, die „auf der Jagd nach Lob und Anerkennung“ das dicke Handbuch mit abstrusen Arbeitsanweisungen ausgiebig studiert und versucht, ihren launischen Chef zufriedenzustellen, steigt zu seiner ersten Assistentin auf.

Sie besorgt dem Vorgesetzten Nudelsuppe ohne Nudeln, wie er es verlangt, die sie vorschriftsmäßig mit WMF-Löffel serviert, oder versucht, seiner idiotischen Angewohnheit mit Abkürzungen und Emojis zu kommunizieren, gerecht zu werden. Auch seine mit eigenen Wortspielen bedruckten Jutebeutel goutiert sie angemessen.

Doch Maise, der bereits Dutzende Assistentinnen verschlissen hat, trennt zudem auch nicht zwischen Arbeit und Privatem, ordert Charlotte zum Arbeiten zu sich nach Hause, meldet sich zu jeder Tages- und Nachtzeit, kommentiert süffisant ihr Outfit und streift beim Diktat „wie zu- fällig kurz mit den Fingern ihren Rücken“. Die Arbeitsbedingungen machen sie krank. Wer selbst schon unter einem übergriffigen Vorgesetzten gelitten hat, wird vieles wiedererkennen.

Caroline Wahl geht jedoch über das vermeintlich Autobiografische hinaus. Sie zieht eine Metaebene ein, die das Erzählen selbst reflektiert. „Eigentlich fehlt hier noch eine Liebesge- schichte“, bemerkt die Erzählerin an einer Stelle – und baut flugs eine ein. An anderer Stelle kommentiert sie kess: „Die Dramaturgie ist irgendwie gar nicht so gut.“

Ein origineller Einfall, um Einwände der Kritiker vorwegzunehmen – nur leider hat die Erzählerin recht. Eine bessere Dramaturgie hätte dem Roman gut getan. Was als witzige Brechung beginnt, wirkt zunehmend schulmeisterlich und bremst den Erzählfluss. Gleichwohl glänzt Wahl wieder mit pointierten Dialogen und ihrer unverkennbaren Autorinnenstimme.

Fazit: „Die Assistentin“ hat seine Schwächen, verzettelt sich zu sehr in Meta-Spielereien, hat Längen, ist aber insgesamt ein klug beobachteter Roman über Machtmissbrauch in den Führungsetagen. Und so liest man diese weibliche Selbstermächtigungsgeschichte gern zu Ende – und ist bereits gespannt auf die weitere literarische Entwicklung von Caroline Wahl.

In: Die Rheinpfalz von Oktober 2025

Foto (c) Sabina Bobst