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Sollte sich diesen Sommer der Trend zur kurzen Hose durchsetzen, droht weißes Fleisch mit schwarzen Haaren.

In Indien tragen nur die Angehörigen der »Unberührbaren« kurze Hosen. Sie selbst nennen sich »Dalit«, was aus dem Sanskrit übersetzt so viel bedeutet wie »der zur Schau Gestellte«. Wenn diese vom Schicksal hart getroffenen Menschen auch unser volles Mitgefühl verdienen, so sollte man dieses nicht durch solidarisches Zurschaustellen westlicher Männerbeine zum Ausdruck bringen. Denn was bei Dalits oder auch bei Gandhi ästhetisch durchaus funktioniert, sollten sich westliche Männer lieber für die Badeanstalt, das Fußballspiel unter Freunden oder das Unkrautjäten im eigenen Garten aufsparen – sollte dieser von einer hohen Hecke umgeben sein.

Denn können Sie sich Humphrey Bogart, Albert Einstein oder Barack Obama in aller Öffentlichkeit in kurzen Hosen vorstellen? Allenfalls zum Christopher Street Day können wir in punkto kurzen Hosen ein Auge zudrücken. Geschenkt sei ebenfalls der unvermeidliche Tourist mit Gürtelhandytäschchen, Camcorder und Schirmmütze, dessen geheime Mission schließlich schon immer in der Belustigung fremder Bevölkerungsgruppen bestand. Doch was müssen wir in einschlägigen Fachzeitschriften lesen? »Einem heißen Sommer 2009 begegnet der Mann mit Shorts und Bermudas, die klassisch oder sportlich sowie lang oder kurz geschnitten sind. Kurze Hosen sind jedoch nur stilsicheren Männern zu empfehlen.«

Stilsichere Männer? Um welche neue Spezies mag es sich hier handeln? Der neue Mann, der morgens und abends das Badezimmer zwei Stunden in Beschlag nimmt, um Intimpflege und Pediküre zu betreiben? Der Mann, der den ganzen Samstag in Boutiquen und Edelkaufhäusern zubringt, statt mit den Kindern auf den Abenteuerspielplatz zu gehen oder statt mit seinen Kumpels in der Kneipe Fußball zu gucken und Bier zu trinken? Der Freak, der ein zugegebenermaßen stilvolles Siebziger-Jahre-Hemd von Humana mit einer abgetragenen kurzen Osthose aus Jeansersatzstoff kombiniert?

Trotz überall erhältlicher Ganzkörperspiegel ist die kurze Hose also weiterhin auf dem Vormarsch. Mitten unter uns: im Museum, im Kino, auf der Demonstration, in der Bar, beim morgendlichen Brötchenkauf, sogar auf einem anständigen Rockkonzert. »Wie sich’s wandelt außen, wandelt sich’s auch innen«, schrieb der Barockdichter Friedrich von Logau. Ändert sich die Kleiderordnung, so ist dies stets auch ein Hinweis auf historische Veränderungen. Dementsprechend gilt es zu klären, was also jener Trend über unsere Gesellschaft aussagt, was sich wandelt, wenn plötzlich keiner mehr »die (langen) Hosen anhaben will«? Symbolisierten einst nicht lange Hosen die Abkehr von der Bubenzeit, die Freude daran, endlich Verantwortung übernehmen zu dürfen?

Extrapoliert man den Trend zur kurzen Hose, stehen wir in Kürze vor folgenden Szenarien: Lehrer unterrichten unsere unschuldigen Kinder in ausgebeulten Boxershorts. Der Herr von der GEZ stellt uns ein käsiges Bein in zu oft gewaschenen, ehemals khakifarbenen Armyshorts in den Türspalt. Angestellte von morgen erscheinen glücklich und befreit in ihrer kurzen Lieblingshose, die sie an einen herrlichen Sommerurlaub vor zwölf Jahren erinnert, zum Morgenappell vor ihrem Arbeitgeber. Der smarte Kundenberater bei der Bank, der unseren Dispokredit ersatzlos streichen will, bückt sich im Beratungsgespräch und verwandelt seine lange Hose durch das Öffnen eines Reißverschlusses in Kniehöhe wild entschlossen in eine knappe Shorts.

Und was bekommen wir dabei zur Schau gestellt: weißes Fleisch mit schwarzen Haaren. Oder schlimmer noch: rasierte und sonnen­studio­gebräunte Männerbeine. Dazu präsentiert uns der smarte Großstädter von heute womöglich Knub­bel­knie zu Waschbrettbauch. Oder dünne Beinchen an Wohlstandswampe. Zudem geht mit der kurzen Hose meist Fußbekleidung einher, die auch noch die Füße entstellt: Flipflops, aus denen seit Weihnachten nicht geschnittene Zehennägel hervorlugen, Sandaletten mit weißen Socken (dazu besonders passend: Schnauzer und ostdeutscher Dialekt), oder aber Trekkingsandalen. Mit denen kann die moderne Frau dann wenigstens zum Zeitvertreib in der flirrenden Sommerhitze dicke Fliegen totschlagen. Denn nachdem der neue Mann seine bequemen Wandersandalen und seine unsäglichen Shorts endlich abgelegt hat, ist ihr garantiert für alles weitere die Lust vergangen. Denn im Gegensatz zu den indischen Dalits in ihren kurzen Hosen ist der westliche Mann in ebensolchen entgegen allen Modetrends leider wirklich: unberührbar.

Das nackte Grauen / Jungle World vom 14.5.2009