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Die alten Rechnungen

Was ist schon normal? Leon Englers inspirierender Debütroman »Botanik des Wahnsinns«

Für Kinder psychisch kranker Eltern ist das Risiko, selbst zu erkranken, erschreckend hoch. Ähnlich verhält es sich mit Alkoholabhängigkeit, die auch genetisch beeinflusst wird. Und Armut vervielfacht die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen oder Ähnlichem zu erkranken.

»Ich mache eine erste Hochrechnung … Es sieht nicht gut für mich aus«, sagt der Ich-Erzähler in Leon Englers autofiktionalem Roman »Botanik des Wahnsinns«. Seine Vorfahren und Verwandten waren fast ausschließlich Menschen mit psychischen Erkrankungen: Seine Großmutter hatte eine bipolare Störung und unternahm etliche Suizidversuche, der Großvater lebte ständig in der berüchtigten Wiener Heilanstalt Steinhof, seine Mutter endete als Alkoholikerin und sein Vater war Zeit seines Lebens bettelarm und depressiv.

Klingt wie ein Buch, das man gegenwärtig vielleicht lieber nicht lesen möchte? Doch dann verpasst man einen der inspirierendsten Debütromane der letzten Zeit. Engler schaut mit großer Zärtlichkeit auf eine von seelischen Leiden und Armut heimgesuchte Familie und stellt mit leisem Humor unser Konzept von »Normalität« infrage.

Engler, der 2022 den 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb gewann, kommt aus ähnlichen Verhältnissen wie seine Hauptfigur Leon. Diese ist in einem Münchner Arbeiterviertel aufgewachsen, studierte Psychologie und wagt es erst etliche Jahre nach dem Tod seiner Mutter, in einem Lagerabteil in Wien nach erhofften Erinnerungsstücken zu wühlen. Sie hatte sie dort eingelagert, als ihre Wohnung zwangsgeräumt worden war. Durch eine Verwechslung bewahrte die Entrümpelungsfirma jedoch nicht ihre Fotos, Briefe und andere Zeugnisse der Familiengeschichte auf, sondern aussortierte Dinge wie alte Rechnungen und Steuererklärungen. So bleiben von einer Familie, in der schon immer eine »seltsame Sprachlosigkeit« herrschte, keine nennenswerten Erinnerungsstücke.

Leon arbeitet sozusagen auf der anderen Seite, in einer Psychiatrie in Wien. Daneben gibt es noch zwei weitere Ebenen, die den in kurzen Kapiteln erzählten Roman bereichern: Erinnerungen an die Geschichte der Eltern und Großeltern und Ausflüge in die Geschichte der Psychologie und Psychotherapie. Es werden Ingeborg Bachmann, Michel Foucault, Siri Hustvedt und Carl von Linné zitiert. Leon studiert die Krankenakte seines Großvaters, der mit der Diagnose Schizophrenie Dauergast in der psychiatrischen Klinik war, wo seine Erkrankung mit Malariakur und Schocktherapie behandelt wurde.

Die durchaus sympathische, leitende Psychologin der Klinik sagt über die Behandlung ihrer Patienten: »Die Welt in ihrem Kopf ist einfacher zu verändern als die Welt da draußen. Die Psychiatrie ist kein Ort für gesellschaftliche Fragen … Wir passen die Menschen an die Welt da draußen an – oder behalten sie hier.« Die Passagen in der Psychiatrie erinnern an Joachim Meyerhoffs Roman »Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war«, in dem das Konzept gesellschaftlicher Normen ebenfalls durchaus humorvoll infrage gestellt wird.

Früher hatte Leon einen alten Mann als Nachbarn, mit dem er sich anfreundete. Er gab Leon viele Bücher zu lesen, lachte nur über seine Angst, ebenfalls verrückt zu werden, und empfahl ihm stattdessen, sich »nie von den Menschen abzuwenden«. Von einem Studium der Psychologie riet er ihm allerdings ab, weil dieser darin nur etwas über »Hundedressur, Statistik und wie man Tauben dazu bringt, Langstreckenraketen zu steuern, nichts aber über die Menschen« lernen würde.

Mehr und mehr hinterfragt Leon im Verlaufe des Entwicklungsromans in der Tradition von Michel Foucault, der das Gefängnis und die Klinik untersuchte, die Begriffe und Konzepte von Normalität und Abweichung. Verkörpern die Autoritäten nicht selbst eine Art Wahnsinn, indem sie Menschen klassifizieren und kontrollieren? Leon begreift, dass es wichtiger ist, Patienten zuzuhören, als ihnen ein Etikett anzukleben.

Sein Vater musste mehrmals seine Wohnungen verlassen und in weitab gelegene Behausungen ziehen, da er sich fast nirgendwo mehr ein Dach über dem Kopf leisten konnte. Wundert es da, dass er immer tiefer in die Depression hineinrutschte, oder ist das nicht sogar eine angemessene Reaktion auf unzumutbare Lebensumstände? Oder wie der Erzähler es einmal formuliert: »Müsste ich den Menschen nicht gleichzeitig die Chance auf ein Leben geben, für das sie nicht berauscht sein müssen, um es ertragen zu können?«

Foto (c) Niklas Berg

„Botanik des Wahnsinns“/ Leon Engler / nd Feb. ’26