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Foto: Copyright: 2010 Tribeca Films

INTERVIEW MIT ANDY SERKIS

»IAN DURY WAR SO UNSYMPATHISCH«

Ian Dury war Songschreiber, Performer, Schauspieler – und charakterlich ein ziemlicher Gollum. Wie passend, dass „Herr der Ringe“-Darsteller Andy Serkis auch die Hauptrolle im Ian-Dury-Biopic „Sex & Drugs & Rock & Roll“ übernimmt. Gabriele Summen sprach mit Serkis darüber, wie es ist, ein Arschloch zu mögen – und zu spielen.

Ian Dury mischte schwarze Musik mit dem Geist von Punk. Andy, du warst Teenager, als er seine größten Hits hatte und lebtest zu dieser Zeit auch in London. Wie kamst du mit ihm in Berührung?
Zuallererst hörte ich Ian Dury, als ich mit meiner Klasse auf einem Ausflug war, „Hit Me With Your Rhythm Stick“, jemand hatte ein kleines Transistor Radio dabei und plötzlich hörten wir (singt) „In The Deserts Of Sudan“, das war wirklich außergewöhnliche Musik…

Du hast Ian Dury dann Jahre später getroffen und er soll sich wie ein richtiges Arschloch aufgeführt haben.Was ist da vorgefallen?
Ich traf ihn 1996 in einem chinesischen Restaurant, wir probten für ein Stück und er schrieb die Musik dafür, Ian hatte zuviel getrunken und schmiss mit Gemeinheiten um sich.

Sein Hang zum Exzess wird in „Sex & Drugs & Rock & Roll“ nicht beschönigt.
Wir hatten sehr engen Kontakt zu Ians Familie.Alle, die wir gefragt haben, wollten über ihn reden! Er hat ein großes Loch in ihr Leben gerissen, als er starb, er hinterließ eine Menge Leute im freien Fall, natürlich vor allem seine Band, die Blockheads. Die ganze Familie meinte, als sie das Skript gelesen hatte: „Er war wirklich noch viel schwieriger!“ Als wir herumgezogen sind, um Geld für den Film aufzutreiben, haben die Leute uns immer wieder gesagt: “Er war so unsympathisch. Aber er hatte etwas, was uns ihm vieles verzeihen ließ. Seine Ehrlichkeit.“

Ian Dury litt an den Folgen einer Polio-Erkrankung. Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?
Meine Mutter hat früher behinderte Kinder unterrichtet, und ich habe meine MS-kranke Schwester erlebt. Ian hat sich selbst aber nie als Opfer angesehen! Auf der einen Seite hasste er es von Menschen abhängig zu sein, auf der anderen Seite wusste er genau, dass er Leute um sich herum brauchte. Er wollte Menschen nie gehen lassen, er wollte immer an einer großen Familie festhalten, aber er wusste seine „Behindertenkarte“ wohl auch gut auszuspielen.

Im Film sehen wir Ians Vater, wie er seinen Sohn gelegentlich im Heim für behinderte Kinder besucht – aber wo bleibt Ians Mutter?

Ian wuchs ja tatsächlich mit seiner Mutter und seinen zwei Tanten auf. Sie waren Bohemians, sehr belesen, aber sein Vater kam aus der Arbeiterklasse. Er war ein Busfahrer, ein Ex-Boxer und dann wurde er Chauffeur. Ian definierte seine Bühnenpersönlichkeit aber mit Hilfe seines von ihm idealisierten Vaters. Wir haben also Ians Illusion von seinem Vater verfilmt! In dieser Vorstellung existiert seine Mutter eben nicht – obwohl er ja mit ihr aufwuchs….

Seine damalige Band The Blockheads gibt es immer noch. Du hast mit ihnen zusammen den Soundtrack für den Film aufgenommen. 
Ja, achtzehn Songs – die Blockheads sagten: „Du klingst genau wie Ian“. Mit dem Keyboarder Chaz Jankel, der damals viele der Stücke komponiert hat, habe ich mich sogar angefreundet.

Am Ende des Films sagt Ian Dury: „Es gibt nur eine Möglichkeit den Tod zu vermeiden: Seien Sie wunderbar!“Hast du eine ähnliche Lebensphilosophie?

Ja, absolut, wir sind nur für kurze Zeit auf diesem Planeten und du musst den Moment ergreifen…und da fängt es an, kompliziert zu werden, wenn du das tust, fügst du Leuten auf deinem Weg  Schaden zu, du willst das nicht, aber wenn du diese Energie hast und dieses Verlangen etwas Bestimmtes zu tun, dann gibt es manchmal eben Verluste.
Intro / April 2012