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Foto (c) Amazing Grace Movie, LLC

Amazing Aretha

1972 beschloss die Queen of Soul, Aretha Franklin, auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs zu ihren Wurzeln zurückzukehren und das Gospelalbum „Amazing Grace“ aufzunehmen. Sydney Pollack wurde beauftragt, die Aufnahmen in einer Baptistenkirche in L.A mitzuschneiden. Leider scheiterte der Starregisseur an der Aufgabe, Ton und Bild synchron aufzunehmen. Der Film verschwand in den Archiven bis ihn Produzent Alan Elliott und Pollack 35 Jahre später hervorkramten, um ihn mit neusten technischen Möglichkeiten fertigzustellen. Franklin selbst wollte nie, dass der Live-Mitschnitt in die Kinos gelangte. Erst ihr Tod 2018 ermöglichte es, ihren Wunsch zu umgehen. Mit diesem Vorwissen erlebt frau den Film zwiespältig.

Einerseits ist es ein tränentreibendes Erlebnis, diese unglaubliche Frau live performen zu sehen, andererseits nervt zuweilen die Stümperhaftigkeit der Aufnahmen und auch der eitle Reverend Cleveland, der den Abend und Franklin auf dem Klavier begleiten soll, jedoch mit größter Selbstverständlichkeit immer wieder versucht, ihr die Show zu stehlen.

Während ihr Vater eine Rede schwingen darf, kommt seine Tochter nicht zu Wort. Auch Gospelsängerin Clara Ward, die Franklin inspiriert hat, wird von den Herren der Schöpfung nicht ans Rednerpult gebeten.

Dennoch freut frau sich über dieses bewegende Zeitdokument, dem männliche Unzulänglichkeiten letztlich nichts anhaben konnten. Als am zweiten Aufzeichnungsabend Mick Jagger im Publikum auftaucht und die Kameramänner ihn begierig ins Visier nehmen, schließt frau die Augen und lächelt still in sich hinein, im Ohr diese Soul-Stimme, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Das Geheimnis aber, warum Franklin die Aufführung dieses Films stets verhindern wollte, hat sie mit ins Grab genommen

“Amazing Grace” in Missy Magazine von 11/2019