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Kein Sex, aber ein paar Tote

Philippe Djian demonstriert in seinem neuen Roman „Offene Rechnung“ gewohnt meisterhaft, wie man aus sexueller Frustration und mörderischen Verdachtsmomenten ein literarisches Vergnügen schafft.

„Ich bin der einzige Mann im Haus. Ich glaube, das nutzen sie aus.“ Ein einziger Satz zu Beginn seines neuen Romans reicht bereits, um die Handschrift zu erkennen: Unverwechselbar Philippe Djian. Spätestens mit der Beineix-Verfilmung seines Bestsellers „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ stieg Djian 1986 zum Kultautor einer ganzen Generation auf. Seither liefert er verlässlich, beinahe im Jahrestakt, Nachschub für seine Fangemeinde.

In seinem 28. Roman befindet sich der Ich-Erzähler Nathan in einer tiefen Krise: Vor Kurzem hat er seine Festanstellung bei der Zeitung „Morgen“ verloren und arbeitet dort nur noch als schlecht bezahlter „Freier“. Er lebt mit seiner Frau Sylvia, die er liebt, und seiner Schwiegermutter Gaby, einer Lyrikerin, die er begehrt und vergöttert, unter einem Dach. Ihr Zusammenleben ist nicht frei von Tücken, da er ständig zusehen muss, nicht zwischen die Fronten zu geraten. Wegen einer missglückten Vasektomie ist er außerdem noch impotent und muss erdulden, dass Sylvia sich mit einem anderen Mann trifft. Obendrein steht der „Morgen“, der Sylvia gehört, unter Druck: Eine Investorengruppe um den lokalen Senator Richard Brunevigne will Sylvia das Grundstück abkaufen, auf dem das Verlagshaus steht, um dort einen Freizeitpark zu errichten. Um sein Ziel zu erreichen, ist dem skrupellosen Mann jedes Mittel recht. In seiner unnachahmlich lakonischen Art konstatiert Djians Protagonist einmal: „Wir sind im Auge des Sturms, da ist kein Wind.“

Die Frau aus dem Wald

Und dann ist da noch die Wanderin Nicole, über die Nathan eine Reportage schreiben soll. Sie ist eine Hausangestellte des Senators, irrte wochenlang im Wald umher, und als sie gefunden wurde, konnte sie sich an nichts erinnern. Im Laufe seiner Recherche versucht auch sie, Nathan zu verführen, ebenso wie ihre bipolare Arbeitgeberin Barbara, die Frau des Senators. „Es ist kein Zuckerschlecken, das Abbild von Joaquin Phoenix in seinen guten Tagen zu sein“, stellt Nathan trocken fest.

Im Lauf des Romans wird der überfürsorgliche „Macher im Schatten“ dem Leser immer suspekter: Im Umkreis seiner vergötterten Schwiegermutter gibt es reihenweise Tote – vier Jahre, bevor der Roman einsetzt, ist bereits ihr tyrannischer Ehemann in den Flammen seines Hauses verbrannt. Die Umstände seines Todes wurden nie geklärt. Zudem leidet Nathan unter Schlaflosigkeit, ist ein Voyeur und beginnt aufgrund seines Schlafdefizits, einen „Unglücks- feuervogel“ zu sehen, der etwas Teuflisches an sich hat – und sein ständiger Begleiter wird.

Und dann ist da noch „dieser Frost, der kein Ende nimmt“. Wetterbeschreibungen bei Djian sind immer eng an die Psyche seiner Figuren gekoppelt – und Nathan scheint es mehr zu schaffen zu machen, dass er sexuell recht kaltgestellt wurde, als er sich eingestehen möchte. „Irgendwo ist immer Sex verborgen. Ich weiß das. Er ist immer da und wird da bleiben, nach seiner Pfeife wird getanzt. Ich weiß das. In meinem Beruf lauert er hinter jeder Ecke“, sagt er selbst einmal.

Nur die Gedichte seiner Schwiegermutter, die sexuell unerfüllte Liebe zu seiner Frau und ein kleiner Coton de Tuléar, ein Baumwollhund, können noch sein Herz erweichen. Deshalb sympathisiert man mit Djians Protagonisten, obwohl man ihn zunehmend verdächtigt, etwas mit den tödlichen Unfällen zu tun zu haben.

Wer spricht hier eigentlich?

Mit diesem Roman hat der 77-jährige Djian seinen elliptischen Stil noch einmal auf die Spitze getrieben. Seit einiger Zeit kennzeichnet er seine Dialoge nicht mehr, der Leser muss sich aus dem Zusammenhang erschließen, wer gerade spricht. Ebenso lässt er entscheidende Ereignisse weg, man kann nur ahnen, was passiert ist, während die Gespräche seiner Figuren lediglich Anhaltspunkte liefern. Der Text, der einen unwiderstehlichen Sog entwickelt, ist nicht mehr in einzelne Kapitel unterteilt. In diesem durchgehend im Präsens geschriebenen Roman kommt nun noch ein recht unzuverlässiger Ich-Erzähler hinzu, der wie alle männlichen Protagonisten Djians beständig den Reizen der Frauen erliegt – mit denen diese auch stets spielen. Aufgrund seiner Impotenz ist Nathan aber derart eingeschränkt, dass einen mehr und mehr das Gefühl überfällt, er sei dem Wahnsinn nahe. Dennoch bemüht er sich redlich, dem Chaos in seinem Leben Herr zu werden und die Frauen zu schützen, die er liebt.

Die Lobeshymne, die Nathan einmal auf Gabys dichterische Fähigkeiten anstimmt, entspricht den Maximen, nach denen der Schriftsteller selbst arbeitet, der bekanntermaßen täglich acht Stunden an seinem Schreibtisch an seinen Werken feilt: „Das fasziniert mich an dir. Deine Furchtlosigkeit. Bis in dein Schreiben hinein, wirklich meisterhaft. Inhalt und Form sind eins, deine Genauigkeit und die Eindringlichkeit der Ausführung.“ Am Ende liegt der Verdacht nahe, dass Nathan alle offenen Rechnungen beglichen hat – und dabei über Leichen gegangen ist. Ein meisterhaft konstruierter, beunruhigender Roman, den man gleich noch einmal lesen möchte, nachdem der letzte Satz verhallt ist.

In: Die Rheinpfalz von August 2026

Foto (c) A.Savin