Schatz, stell mal das Weihwasser kalt!
Zur Paartherapie bitte hier entlang. Eheleben, Erlösungsphantasien und Licht in der Oper
von Gabriele und Maurice Summen
Doch wer mag heutzutage schon noch so hartnäckig beieinander bleiben? Nach der Hyperindividualisierung sind viele längst bei religiös-fundamentalen Erlösungsphantasien angelangt. Weltflucht als Verweigerung der irdischen Beziehungsarbeit! Jens Balzer hat in seinem Bändchen »Erlösung« die ganze antiquierte Denke zwischen Christ und Antichrist, Katechon und Eschatologie in den drei Weltreligionen säuberlich ausdifferenziert. Aber diese Weltsicht bleibt trotz seiner spitzen Feder höchst verwirrend. Dass wir gerade dieses globale Comeback religiös-fanatischer Männer erleben müssen, darf getrost als vorläufiges Scheitern der Moderne begriffen werden. Dabei stünden den Postfundamentalisten all die neuen Medien und Technologien ohne den Geist der (Post-)Moderne gar nicht zur Verfügung. Wenn sich der Antichrist nun unter dem Deckmantel einer wie auch immer gearteten »Wokeness« in Szene setzt, hilft nur noch der Griff zum Weihwasser. Oder zum Gin Tonic.
Ja, dann doch lieber dem Geist aus der Oper »Mittwoch aus Licht« von Karlheinz Stockhausen folgen, die in der Deutschen Oper Berlin ihre szenische Erstaufführung in Deutschland hat. Der »Mittwoch« ist der mittlere Teil seines Licht-Opernzyklus, in dem jeder Wochentag eine eigene Oper bekommt. Wobei der Mittwoch aus vier Teilen besteht, inklusive des berühmten Helikopter-Streichquartetts. Dieser kosmische Wahnsinn macht mehr Hoffnung als all der Fundamentalismus und die damit verknüpfte politische Regression. Erlösung gibt es ohnehin nur auf Erden: Indem man zum Beispiel als Paar letztlich – wie Harry und Lore – über den eigenen Schatten springt oder vier Streicher:innen in der Höh’ lauscht.
Foto: JULIAN ROEDER