Im Würgegriff der Nationalsozialisten
Die Rolle des Berliner Schlosses Schönhausens beim Verkauf „Entarteter Kunst“ arbeitet eine neue Dauerausstellung auf
Verfolgt, verfemt, verkauft: Das Berliner Schloss Schönhausen begibt sich auf Spurensuche. In einer neuen Dauerstellung geht es um seine Rolle in der NS-Kulturpolitik.
„Wir befinden uns in einer Schau, die aus ganz Deutschland nur einen Bruchteil dessen umfaßt, was von einer großen Zahl an Museen für Spargroschen des deutschen Volkes gekauft und als Kunst ausgestellt worden war. Wir sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtskönnertums und der Entartung. Uns allen verursacht das, was diese Schau bietet, Erschütterung und Ekel.“
Mit diesen Worten eröffnete Adolf Ziegler, Maler und Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, am 19. Juli 1937 in München die Ausstellung „Entartete Kunst“, die nur ein Ziel kannte: Die Künstler der Moderne zu verhöhnen. Im Vorfeld hatte Ziegler, von Goebbels mit allen Voll- machten ausgestattet, in ganz Deutschland Werke beschlagnahmt und nach München transportieren lassen. Im Herbst 1937 folgten 21.000 weitere Kunstwerke aus 101 Museen. Rund 5000 der Exponate wurden im März 1939 im Hof der Berliner Hauptfeuerwache verbrannt.
Im Jahr zuvor, im September 1938 wurden 3750 dieser Kunstwerke in das Berliner Schloss Schönhausen gebracht und dort deponiert. Sie sollten gegen Devisen ins Ausland verkauft werden. In dem Barockschloss mit imposantem Garten hielt sich zwischen 1740 und 1797 Königin Elisabeth Christine, Gemahlin Friedrichs des Großen, im Sommer regelmäßig auf. Nun zeichnet hier eine kompakte, aber überaus sehenswerte Dauerausstellung unter dem Titel „Kunst – Menschen – Macht“ die Wege der NS- Kulturpolitik und die Rolle des im Bezirk Pankow gelegenen Schlosses aus dem 17. Jahrhundert nach.
So erfährt man in einem der vier Räume, dass die Kunsthändler Bernhard A. Böhmer, Karl Buchholz, Hildebrand Gurlitt und Ferdinand Möller mit dem Verkauf der Kunstwerke beauftragt worden waren. Gelegentlich tauschten sie auch „entartete“ gegen systemkonforme Kunst.
Einige dieser Werke von Ernst Ludwig Kirchner über Oskar Schlemmer, Otto Dix, Georg Grosz, Käthe Kollwitz,
Ernst Barlach bis hin zu Wassily Kandinsky und Franz Marc sind ausgestellt. Manche im Original, andere als Faksimiles.
Eigentlich waren die Händler verpflichtet, alle Kunstwerke ins Ausland zu verkaufen – sie machten aber auch Geschäfte innerhalb Deutschlands oder kauften selbst. Besonders aktiv waren Böhmer und Gurlitt, die viele Werke in ihren eigenen Besitz brachten, wovon noch ihre Erben profitierten.
Im Juni 1939 versteigerte der Schweizer Galerist Theodor Fischer in Luzern ausgewählte Kunstwerke in einer Auktion – eine Versteigerung die unter heftiger Kritik stand, da die Einnahmen dem NS-Regime zugute kamen.
In der historischen Gipsmarmorgalerie von Schloss Schönhausen lässt sich an einer Medienstation das wechselvolle Schicksal von 37 ausgewählten Kunstwerken nachverfolgen – darunter das Gemälde „Arbeiterjunge“ von Otto Dix, das 1933 in der Mannheimer Ausstellung „Kulturbolsche- wistische Bilder“ öffentlich diffamiert und im August 1937 schließlich vom Propagandaministerium beschlagnahmt wurde. Über das Schloss Schönhausen und den Kunsthändler Böhmer landete es schließlich 1982 im Kunstmuseum Stuttgart.
Etliche Arbeiten wurden aber zerstört oder gelten als verschollen. Dieses Schicksal ereilte besonders viele Werke von Dix. Die Ausstellung zeigt auf einem Bildschirm historische Auf- nahmen dieser Werke, zum Beispiel einen „Kriegskrüppel“, sowie sein einzig bekanntes plastisches Werk: ein Porträt Friedrich Nietzsches.
Wer als Künstler überleben wollte, musste sich, seine Kunst selbst aufgeben: Nachdem man Karl Hofers Kunst beschlagnahmt und ihn aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen hatte, ließ er sich von seiner jüdischen Frau scheiden und wurde „rehabilitiert“. Christian Rohlfs dagegen verweigerte den freiwilligen Austritt aus der Akademie und wurde einen Tag vor seinem Herztod ausgeschlossen.
Emil Nolde stellte einen Sonderfall dar: Obwohl seine Kunst als „entartet“ galt, schützte ihn seine NSDAP-Mitgliedschaft und sicherte ihm weiterhin glänzende Verkäufe. Die meisten betroffenen Künstler der heute hoch geschätzten Moderne jedoch wurden ausgegrenzt, flohen ins Exil, wurden in Vernichtungslagern ermordet oder nahmen sich verzweifelt das Leben. Auszüge aus Briefen geben Einblick in ihre Schicksale.
Wie widersprüchlich die Rolle von Sammlern sein konnte, zeigt das Beispiel des Ehepaars Fohn: 1939 erwarb es über 600 Werke – angeblich zur „Rettung“, verkaufte eine Großteil jedoch letztlich gewinnbringend, bevor es 1964 immerhin ein Drittel seiner Sammlung der Bayerischen Staatsge- mäldesammlung schenkte.
Auch Museen mischten mit
In der Regel erwarben Sammler die Kunstwerke bei den beauftragten Händlern. Nur wenige Interessierte konnten in Schloss Schönhausen direkt Arbeiten auswählen. Auch internationale Museen in Basel, Lüttich und New York bauten unter dem Vorwand des Denkmalschutzes ihre Sammlungen der Moderne aus. Einzelne Käufer gaben jedoch nach 1945 auch Werke zurück.
Das „Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“ von 1938 blieb unglaublicherweise auch nach dem Krieg juristisch in Kraft – die damaligen Verkäufe galten also weiterhin als rechtmäßig. Das legte den Grundstein für die enorme Wertsteigerung, die diese Kunstwerke bis heute erfahren haben.
Wenn man nun im Wahlprogramm der AFD Sachsen-Anhalt liest, dass eine mögliche neue AfD-Regierung vorhabe, „mit Staats- und Steuergeld vorwiegend solche Kunst fördern, die einen Beitrag zu deutscher Identitäts- findung leistet“ zeigt sich, wie erschreckend aktuell die Debatten um ideologische Ausgrenzung und die Freiheit der Kunst leider auch heute wieder sind.
DIE AUSSTELLUNG: Dauerausstellung „Kunst – Menschen – Macht“; Schloss Schönhausen, Tschaikow- skistraße 1, Berlin, dienstags bis sonntags 10 Uhr bis 17.30 Uhr, Details unter www.spsg.de/kunst-menschen-macht
In: Die Rheinpfalz / August 2026