Eine ganz andere Seite Japans
Mieko Kawakami porträtiert in ihrem Roman „Das gelbe Haus“ junge Frauen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen
Wie sähe eine Geschichte à la „Brea- king Bad“ aus, wenn sie kein machohaftes Drama wäre? Genau das wollte der Shooting-Star der japanischen Literaturszene, Mieko Kawakami, mit ihrem neuen Roman „Das gelbe Haus“ herausfinden.
In ihrem Roman „Brüste und Eier“, der rasch zum internationalen Bestseller avancierte, porträtieret die Autorin zwei in Armut aufgewachsene Schwestern, die um weibliche Selbstbestimmung ringen, in „Heaven“ folgte sie einem Schüler, der Opfer von brutalen Mobbingattacken wird, und in „All die Liebenden der Nacht“ erzählte sie einfühlsam von einer einsamen Korrekturleserin. Nun wagt sie sich wieder auf neues Terrain: „Das gelbe Haus“ ist ein Noir-Roman über eine Art weiblichen Walter White.
Die Rahmenhandlung spielt 2020: Die 40-jährige Ich-Erzählerin Hana hat gerade aufgrund der Pandemie ihren Job verloren. Beim Lesen eines Online-Artikels stößt sie auf den Namen einer alten Freundin, die wegen Freiheitsberaubung vor Gericht steht.
Diese Nachricht zwingt sie zurück in ihre sorgsam verdrängte Vergangenheit in den 1990ern, als sie mit drei anderen Frauen in Tokio lebte und kriminelle Taten beging, die bislang nicht ans Licht gekommen waren.
Die Binnenerzählung, die den Großteil des Buches ausmacht, beschreibt diese Phase ihres Lebens: Die damals 15-Jährige wächst in einem armen Viertel mit einer verantwortungslosen Mutter auf. Als die undurchschaubare Kimiko auftaucht, nimmt sie sich der Außenseiterin an. Letztlich beschließt Hana, noch minderjährig und ohne Schulabschluss, bei Kimiko einzu- ziehen. Gemeinsam übernehmen sie eine heruntergekommene Bar.
Später stoßen zwei weitere junge Frauen dazu: Ran, eine Ex-Hostess, und Momoko, eine Ausreißerin aus reichem Hause. Gemeinsam beziehen sie das titelgebende gelbe Haus, das ihnen ein Stammkunde günstig vermietet. Da Hana an die Feng-Shui-Regel glaubt, dass die Farbe gelb Geld anzieht, richtet sie sogar eine gelbe Ecke darin ein. Für diese Frauen am äußersten Rand der Gesellschaft, die nicht einmal ein Konto eröffnen können, geht es stets darum, das Nötigste zum Überleben zu beschaffen. „Wovon lebten bloß all die anderen?… Die in Cafés saßen und Zeitung lasen… Die mit Freunden ausgingen und Erinnerungen schufen … Wovon lebten die? Was ich nicht wusste, war, woher sie die ,Lizenz’ für ihr anständiges Leben in einer anständigen Welt hatten“, fragt sich Hana.
Kawakamis Welt ist weit entfernt von dem Mittelklasse-Milieu eines Haruki Murakami, in der einsame Männer Jazzplatten hören oder in rätselhafte Doppelwelten geraten. Ihre Figuren sind meist Frauen, die sonst kaum in der japanischen Literatur auftauchen: Frauen in schäbigen Wohnungen, die sich mit gewalttätigen Männern herumschlagen, oder alleinerziehende Mütter ohne sichere Jobs.
Und doch: Für eine Weile blitzt im gelben Haus eine Form von Glück auf. Hana und ihre Freundinnen essen zusammen, sehen fern, teilen ihr Geld. Ein gemeinsames, wenn auch fragiles Zuhause. Dieses kleine Glück zerspringt, als ihre Bar abbrennt. Kimiko, die kaum lebenstüchtig ist, Ran und Momoko, die beide eher naiv und überfordert sind, wissen nicht weiter. Eine neue Geldquelle muss her – die verantwortungsvolle Hana begreift, dass sie handeln muss. Mit klopfendem Herzen und gestohlenen Bankkarten folgt sie dem Angebot einer zwielichtigen Bekannten.
Man merkt rasch, dass das „Das gelbe Haus“ ursprünglich als Fortsetzungsroman in einer japanischen Tageszeitung erschien: Die 528 Seiten tragen episodische Züge, die mitunter zu einer leichten Ermüdung führen. Gleichwohl entwickelt die Mischung aus Sozialstudie und Thriller eine Sogkraft, der man sich nur schwer entziehen kann. Man muss das dicke Buch einfach zu Ende lesen – zu groß ist die Anteilnahme an Hana, die um ein kleines Stückchen Leben kämpft. In die übrigen Figuren, insbesondere in Kimiko, gewährt Kawakami hingegen bis zum Schluss keinen tieferen Einblick – was bei manchen Lesern Enttäuschung hinterlassen dürfte.
Bei ihrem verzweifelten Versuch, genug Startkapital für eine neue Bar zusammenzuraffen, damit ihre Wahlfamilie zusammenbleiben kann, verliert Hana sich zunehmend selbst. Als sie sich auch noch gezwungen sieht, ihre Freundinnen in ihre kriminellen Machenschaften einzubinden, verwandelt sie sich in eine herrische Tyrannin, die nicht nur misstrauisch wird, sondern das erbeutete Geld bald als Selbstzweck hortet – Symbol einer Sicherheit, die sie nie kannte und die ihr nie vergönnt sein wird.
Das unterscheidet sie von Walter White, der in der letzten Folge von „Breaking Bad“ seiner Frau gesteht, er habe es am Ende für sich selbst getan – weil er es mochte, weil er sich dadurch lebendig fühlte.
„Niemand auf der Welt lebt ein Leben, für das er sich selbst entschieden hat“, heißt es einmal im Roman. Dies gilt besonders für marginalisierte Frauen und Mädchen in Japan, denen Kawakami mit „Das gelbe Haus“ erneut eine literarische Stimme verleiht – eine Stimme, die lange fehlte und deren Dringlichkeit in jeder Zeile spürbar wird.
Foto (c) Reiko Toyama
In: Die Rheinpfalz / Sept. 2025