Wie man im Osten auseinander fällt
Eva Trobischs neues Drama »Etwas ganz Besonderes« erzählt ganz wunderbar von Casting-Shows der ostdeutschen Provinz und einer zersplitternden Familie.
»Wer bist du und was macht dich aus?«, fragt der Redakteur einer Casting-Show die 16-jährige Lea aus dem thüringischen Greiz vor laufender Kamera. Die Frage verunsichert die junge Frau, die soeben für die Hauptrunde einer Gesangs-Castingshow ausgewählt wurde. Später richtet sie die Frage an ihre Tante Kati, die betont: dass sie mit 50 noch keine Ohrlöcher habe! Auch Leas Oma Christel beantwortet die Fragen ungefragt. Später bei der gemeinsamen Kaffeerunde hebt sie hervor, dass sie so tolle Enkel und Kinder und zwei Berufe erlernt habe! Leas Mutter sagt, das Besondere an ihr sei, dass sie nichts Besonderes sei – und das sei sehr angenehm. Ihr Ex-Mann und Leas Vater Matze wirft ihr daraufhin einen Blick zu, den zu deuten Eva Trobisch in ihrem dritten Film – nach »Alles ist gut« und »Ivo« – der Zuschauer*in überlässt. Das Drama »Etwas ganz Besonderes« gewährt Einblick in das Leben von drei Generationen. Dabei wirkt das Drehbuch der 1983 in Ostberlin geborenen Trobisch – deren Großvater übrigens auch aus Greiz stammt – zu keiner Zeit konstruiert.
Leas Geschichte entlarvt, wie eindimensional die üblichen Homestorys über Casting-Show-Teilnehmer*innen sind. Ihre Erzählung lässt sich nicht isolieren – sie ist tief verwurzelt in ihrer Familie und einer ostdeutschen Kleinstadt, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Ungemein menschlich, aber auch erschreckend dysfunktional ist diese Familie, an deren Leben Adrian Campean mit seiner Handkamera ganz nah dran ist. Dennoch lassen sich diese Menschen nie ganz ergründen – eine Qualität, die den Film so wahrhaftig macht.
Leas Vater Matze ist frisch von seiner Ex-Frau Rieke getrennt, die ausgerechnet von Leas Schulleiter schwanger ist. Vorübergehend wohnt er in dem Waldgasthof seiner Eltern – zu dem auch ein Pferdebetrieb gehört. Ohne Rieke einzuweihen, hat Matze Lea zu den Casting-Show-Vorrunden begleitet. Rieke hingegen hält vom kapitalistischen Konkurrenzkampf gar nichts und versteht sich zurzeit überhaupt nicht mit ihrer Tochter. Aus Trotz ist Lea deshalb ebenfalls in den Waldgasthof gezogen.
Doch wirklich verstanden fühlt sich Lea nur von ihrer Tante Kati, einer Historikerin, die nach Greiz zurückgekehrt ist, um im örtlichen Schloss eine mit EU-Geldern finanzierte Ausstellung zu organisieren. In ihrem kuratorischen Konzept versucht sie die historischen Phasen aufzuzeigen, die das Schloss durchlaufen hat – von der Fürstenresidenz im Kaiserreich über die Nutzung als Volkseigentum während der DDR-Zeit bis heute. Damit wirft Kati – wie Trobischs Film – die Frage nach der Deutungshoheit über Geschichte(n) auf. Wer erzählt sie? Können wir entscheiden, was unsere Geschichte ist?
Bei ihrer Mutter, die in dem zu DDR-Zeiten umfunktionierten Schloss einst als Weberin gearbeitet hatte, bevor es ein Altenheim wurde, stößt Kati mit der subventionierten Ausstellung allerdings auf Unverständnis. Schließlich steht ihr idyllisch gelegener Gasthof, den die EU gewiss nicht großzügig unterstützen wird, kurz vor der Pleite. Und dann wäre da noch Katis Sohn Edgar, der die Tagung einer rechten Gruppe in dem Gasthof seiner Großeltern boykottiert, obwohl diese die Einnahmen doch so dringend benötigen. All diese miteinander verhedderten Schicksale und ihr unaufhaltsames Auseinanderdriften sind auf körnigem 16mm-Filmmaterial festgehalten, was dem Drama eine dokumentarische Note verleiht.
So gibt Lea bei ihrem Auftritt in München, zu dem die ganze Familie mitgefahren ist, folgerichtig eine wehmütige Interpretation des Songs »Fix you« von Coldplay zum Besten. Doch vieles in der Familie lässt sich eben nicht mehr reparieren, das Rad der Geschichte ist wie ein Mühlstein über sie gefahren: Matze hat zu lange im Westen gearbeitet, um Geld zu verdienen, und darüber seine Frau verloren. Er hegt aber immer noch starke Gefühle für seine Ex-Frau und auch Rieke ist ihm noch zugeneigt – es ist berührend zu beobachten, wie die beiden sich immer wieder annähern und selbst im Streit noch vertraut miteinander umgehen. Für die Großeltern ist Leas Auftritt in München auch ihr erster Besuch in Westdeutschland. Zugleich steht ihre Ehe vor dem Aus – auch weil ihre Existenzgrundlage wegbricht.
So erzählt der multiperspektivische Nachwendefilm ein Stück deutsch-deutsche Geschichte, ohne in Klischees zu verfallen und ohne auch nur eine Figur zu verraten. Das Meisterhafte daran ist, dass man die Leerstellen zwischen den großzügig elliptisch montierten Szenen stets selbst füllen, die Sehnsucht, Widersprüchlichkeit und Verzweiflung in den Blicken dieser Menschen selbst deuten darf, kann und muss.
Von Thomas Schubert als typischem Fernsehredakteur, der nur an einer griffigen Geschichte interessiert ist, über Max Riemelt als Leas Vater, Gina Henkel als dessen Ex-Frau Rieke, Eva Löbau als Leas weltgewandte Tante, Rahel Ohm als Oma Christel und Neuentdeckung Frida Hornemann als Lea ist dieser Ensemblefilm zudem hervorragend besetzt. Und das Schicksal der ungemein authentisch verkörperten Figuren beschäftigt einen noch weit über den Kinosaal hinaus.
Foto: Trimafilm