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In einem Gemälde von Escher

Pedro Almodóvar blickt in seinem neuen Film »Bitteres Fest« auf das eigene Schaffen

Wie kommen Künstler auf ihre Ideen? Sind Autoren Vampire, die das Leben ihrer Mitmenschen schamlos ausnutzen? Gibt es Bereiche im Leben ihrer engsten Vertrauten, die für sie tabu sein sollten? Wo beginnt schamloser Voyeurismus und Ausbeutung? Und wie kann ein künstlerisches Werk gegen sich selbst rebellieren und seine eigene Daseinsberechtigung infrage stellen?

Wer Lust hat, über diese Fragen in gewohnt leuchtendem Almodóvar’schem Ambiente nachzusinnen, den wird der neue Langfilm des 76-jährigen Regisseurs, der in diesem Jahr in Cannes seine Premiere feierte, herausfordern und inspirieren. Ähnliche Themen trieben den Regisseur schon in seinem oscarnominierten Film »Leid und Herrlichkeit« um, in dem Antonio Banderas sein Alter Ego spielt. Doch noch nie hat er das Spiel um all diese Fragen derart auf die Spitze getrieben.

Nachdem er 2024 mit seinem ersten englischsprachigen Drama »The Room Next Door« – mit Tilda Swinton und Julianne Moore in den Hauptrollen – endlich den Goldenen Löwen in Venedig gewann, kehrt er für sein neues Werk zu seiner Muttersprache Spanisch zurück. An der Seite vertrauter Wegbegleiter wie Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia und Rossy de Palma widmet er sich Motiven, die ihn seit über 45 Jahren umtreiben – wie die Trauer um die verstorbene Mutter und der Verlust des eigenen Kindes. Doch vor allem ein jüngeres Leitmotiv seines Schaffens kommt zum Tragen – das Auseinandersetzen mit dem Filmemachen selbst.

»Bitteres Fest« spielt auf zwei Zeitebenen. 2026: Almodóvars Alter Ego Nummer 1, der gefeierte Autor und Regisseur Raúl Durán (Sbaraglia), lebt zurückgezogen mit seinem Lebensgefährten in Madrid. Fünf Jahre hatte er mit einer Schaffenskrise zu kämpfen, nun sitzt er an dem titelgebenden Skript, das nach dem Lied »Amarga Navidad« von Almodóvars Muse Chavela Vargas benannt ist. Der blinkende Cursor seiner Tastatur drängt ihn, die Geschichte voranzutreiben.

In der Weihnachtszeit im Jahr 2004 begegnen wir Elsa (Lennie), Almodóvars Alter Ego Nr. 2., einer Kultregisseurin, die mittlerweile als Werbefilmregisseurin arbeitet. Bei einem Junggesellinnenabschied lernt sie den Stripper Bonifacio (Patrick Criado) kennen, der sich Beau nennt. Ausgiebig lässt er zu Songs von Grace Jones und Amanda Lear seine Hüllen fallen – eine genussvolle Reminiszenz Almodóvars an frühere Filme wie »Das Gesetz des Begehrens« oder »Bad Education«.

Beau, der hauptberuflich als Feuerwehrmann arbeitet, und Elsa werden ein Paar, doch die Filmemacherin liebt ihre Arbeit weitaus mehr als ihren Gefährten – darin ähnelt sie Rául, der seinen Liebhaber Santi eigentlich auch nur ausnutzt.

Schon bald wird deutlich: Elsa ist eine Figur in Ráuls Skript, in das er die Schicksale der Menschen, die ihm nahestehen, einfließen lässt. Rául lässt Elsa unter heftigen Migräneanfällen leiden, ihre Therapeutin führt die Attacken darauf zurück, dass sie den Tod ihrer Mutter verdrängt und sich keine Zeit für ihre Trauer genommen hat.

Trotz Almodóvars Hang zum Melodramatischen blitzt auch immer wieder sein Humor auf, wie eine Krankenhausszene zeigt, in der Elsa mit ihrer Ärztin über den Begriff »Kultregisseurin« diskutiert. Kaum ein Zufall: Im selben Jahr, in dem seine eigene Mutter verstarb, gelang auch dem Regisseur mit dem Drama »Alles über meine Mutter« der weltweite Durchbruch zum gefeierten Arthouse-Star.

Selbstkritisch, zuweilen aber auch ein wenig selbstgefällig beschäftigt sich Almodóvar in seinem Film mit der Frage, welchen Preis er dafür bezahlen musste? Hat auch er das Leben seiner Mitmenschen schamlos ausgeschlachtet?

Dieser beunruhigenden Frage muss sich im Laufe seiner Karriere jeder Künstler stellen: Man denke nur an die Filme von Ingmar Bergman, der fortwährend aus seiner eigenen Autobiografie schöpfte oder in jüngerer Zeit beispielsweise auch an Steven Spielberg, der in »The Fabelmans«, die schwierige Ehe seiner Eltern auf Zelluloid bannte. Auch Musiker wie Nick Cave, der den tragischen Tod seiner beiden Söhne in mehreren Alben verarbeitete, kommen einem in den Sinn oder die Werke von Didier Eribon, der die traumatischen Erfahrungen mit seiner Familie Buch für Buch schonungslos zu Papier bringt.

Zurück zu Elsa: Nach einer Panikattacke reist sie mit ihrer Freundin Patricia auf die von Pau Esteve Birba dramatisch eingefangene Vulkaninsel Lanzarote. Dort wurden 2009 auch Szenen für »Zerrissene Umarmungen« gedreht, in dem ebenfalls ein gealterter Regisseur im Mittelpunkt steht. Elsa nutzt Patricias Ehedrama heimlich als Drehbuch-Inspiration, was zu einem heftigen Streit führt.

Wie kann ein künstlerisches Werk gegen sich selbst rebellieren?

Ein weiteres aus dem Erfahrungsraum Ráuls gespiegeltes Drama berührt Elsas Leben: Das Schicksal von Natalia, einer jungen Frau, die um ihr totes Kind trauert. Quelle der Inspiration ist Ráuls langjährige Produzentin Mónica, deren Partnerin ein schwerkrankes Kind hat – was Rául durchaus ein schlechtes Gewissen bereitet.

Wie in einem Gemälde Eschers irrt man in diesem kunstvoll verschachtelten Metafilm herum, doch die Ingredienzien eines typischen Almodóvar-Films weisen einem den Weg: Die liebevoll komponierten Bilder, die erlesene Ausstattung und die Kostüme, die leuchtenden Farben – das Rot, das Gelb, das Blau –, all das ringt selbst den düstersten Momenten ein gewisses Staunen darüber ab, überhaupt am Leben zu sein. Ebenso die hypnotische Filmmusik von Almodóvars Stammkomponisten Alberto Iglesias sowie Amaia Romero, die für Elsa »Las simples cosas« singt – und Lieder von Chavela Vargas, die die Story vorantreiben. Nicht zuletzt sorgt aber auch das Ensemble für Gänsehaut; etwa wenn Mónica und Rául noch ein letztes Mal aufeinandertreffen und die unvereinbaren Kräfte im Herzen des Regisseurs schonungslos ans Licht bringen.

Am Ende durchbrechen die Figuren das filmische Korsett endgültig und konfrontieren uns wie auch ihren Schöpfer mit der drängenden Frage, wie es nun weitergeht. Die Antwort kann wohl nur Almodóvar geben – ein Künstler, dessen Werk und Leben sich schon lange nicht mehr trennen 

Foto: Iglesias Más/El Deseo

„Bitteres Fest“ von Juli 2026