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Wer hat Angst vor Gruppensex?

Der US-amerikanische Spielfilm »The Invite« erzählt von einem Dinner zweier benachbarter Paare, das alle Hüllen fallen lässt

»Man sollte immer verliebt sein. Das ist der Grund, warum man niemals heiraten sollte.« Olivia Wilde setzt ihrem dritten Film ein Zitat ihres Künstlernamenspatrons Oscar Wilde voran. Nach der Coming-of-Age-Komödie »Booksmart« und dem Psychothriller »Don’t Worry Darling« schwingt sie dieses Mal in einer Beziehungskomödie den Regiestab und übernimmt gleich selbst eine der vier Hauptrollen.

Es geht um eine Ehe, die nach 15 Jahren eigentlich am Ende ist und ein sexuell aufgeschlossenes Pärchen aus der Nachbarschaft – das Thema scheint dem Zeitgeist zu entsprechen: Das spanische Original von 2020 wurde bereits etliche Male neu verfilmt, so gibt es bereits Remakes in Frankreich, Italien, der Schweiz, Russland, Tschechien und Südkorea!

In dieser Variante, die beim Sundance Film Festival ihre Premiere feierte, spielt Seth Rogen den Mitvierziger Joe: Seine Bandkarriere ist Geschichte, sein Klavier daheim rührt er nicht mehr an und sein Job als Lehrer am Musikkonservatorium langweilt ihn. Seine Frau ist ihm über die Jahre zur Fremden geworden. Die beiden lassen kaum eine Gelegenheit aus, einander herabzusetzen.

Rogen, 2025 ausgezeichnet mit mehreren Emmys für seine Hollywood-Satire »The Studio«, spielt diesen Mann, der sich selbst und alle anderen hasst, keineswegs nur. Er erleidet ihn regelrecht mit einer Theatralik, die sein Elend zur Pointe werden lässt. Seine Figur balanciert auf einem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik: Man lacht Tränen, während man gleichzeitig Mitleid hat mit diesem Mann, der sich wie ein Versager fühlt und Zuflucht im Zynismus sucht. Wie er zu Beginn – in der einzigen Outdoor-Szene des Films – auf einem Klapprad die Hügel von San Francisco hoch ächzt, symbolisiert Joes geballten Lebensfrust.

Es ist erfrischend, einen Film zu sehen, in dem die Protagonist*innen bei unkonventionelleren Spielarten der Liebe – sei es Gruppensex oder Pegging – nicht in peinlich berührtes Kichern verfallen, sondern sich die Vorstellung genussvoll auf der Zunge zergehen lassen.

Wilde verkörpert seine Ehefrau Angela, deren Ambitionen ebenfalls ins Leere liefen. Die ehemalige Kunststudentin verbringt ihre Tage größtenteils damit, die von Joes Eltern geerbte Wohnung umzudekorieren. Ihre tief sitzende Unsicherheit hat sie mit der Zeit einerseits extrem kontrollsüchtig gemacht und andererseits zu einem wahren Nervenbündel mutieren lassen. Die beiden scheinen nur noch wegen der gemeinsamen Tochter zusammen zu sein.

Doch dann lädt Angela gegen Joes Willen spontan ihre Nachbarn zu einem Pärchenabend ein. Die selbstbewusste Psycho- und Sexualtherapeutin Pina (Oscarpreisträgerin Penélope Cruz) und der tiefenentspannte Ex-Feuerwehrmann Hawk (Edward Norton – ebenfalls vierfach für einen Oscar nominiert) platzen mitten in einen Schlagabtausch des Albtraumpaares.

Joe, der vor Wut innerlich kocht, da sie ihren Nachbarn häufig in der Nacht bei ihren lautstarken Liebesspielen zuhören müssen – während in seinem Ehebett Flaute herrscht – hat sich fest vorgenommen, die beiden darauf anzusprechen. Angela versucht diese peinliche Ansprache jedoch mit allen Tricks zu verhindern.

Zum Auftakt des Abends lässt sie sogleich ihr Soufflé anbrennen, ihr Mann hat versäumt, Wein zu besorgen und ihre Nachbarin lässt verlauten, dass sie weder Fleisch noch Milchprodukte isst – den Jamón und Käse hat Angela also auch umsonst besorgt.

Unter Einfluss von Tequila und Marihuana entwickelt sich ein Abend voller Peinlichkeiten, Sticheleien und Seelenstriptease – die schonungslosen Dialoge lassen an die Filme Woody Allens oder auch Polanskis Verfilmung von Yasmina Rezas »Gott des Gemetzels« denken. Überdies offenbart das Pärchen von nebenan den Eheleuten, dass sie sich von ihnen sexuell angezogen fühlen. Eine Einladung, der zu folgen die beiden nicht ganz abgeneigt sind.

Es ist erfrischend, einen Film zu sehen, in dem die Protagonist*innen bei unkonventionelleren Spielarten der Liebe – sei es Gruppensex oder Pegging – nicht in peinlich berührtes Kichern verfallen, sondern sich die Vorstellung genussvoll auf der Zunge zergehen lassen.

Wilde erfüllte sich mit dem Film einen Traum: Die spürbare Dichte ihres Kammerspiels ist das Resultat eines im heutigen Kino seltenen Luxus: Zeit. Gedreht auf analogen 35mm und in chronologischer Reihenfolge, merkt man dem Film die intensive Probenarbeit und die gemeinsame Entwicklung der Figuren an. Gedreht wurde in einem Studioset, was dem Film die Atmosphäre einer Theaterinszenierung verleiht. Kameramann Adam Newport-Berra (»Splitsville«) nutzt diesen Rahmen für feinsinnig choreografierte Bildkompositionen, arbeitet mit Spiegeln, Untersichten, filmt durch Fenster, um die Spannungen im Raum spürbar zu machen. Diese dichte Atmosphäre wird von Editor Yorgos Mavropsaridis (bekannt für seine Arbeit mit »Poor-Things«-Regisseur Yorgos Lanthimos) durch unerwartete Schnitte weiter verschärft, während der Score von Dev Hynes a.k.a. »Blood Orange« die Szenerie musikalisch untermalt. Das Ensemble nimmt die Steilvorlage des Autorenduos Rashida Jones und Will McCormack an und spielt die Dialoge auf den Punkt. Tempo und Timing stimmen. Eine Beziehungskomödie über die Abgründe der Monogamie quasi »Wer hat Angst vor Virginia Woolf?« 3.0. Macht garantiert mehr Spaß als Paartherapie – diese Kinoeinladung sollte man annehmen.

Foto (c) Tobis Film

„The Invite“ in nd von Juli 2026