Eine Ladung Nachhilfe
In Berlin-Wedding gibt es seit 20 Jahren den »Sprint«-Treff, der migrantischen Kindern erfolgreich in der Schule hilft
Ein ungemütlicher Novembertag. Ich betrete um 15 Uhr einen der mollig warmen Räume von »SprInt«, einer Bildungseinrichtung im Soldiner Kiez in Berlin-Wedding. Hier wird seit 20 Jahren kostenlose Nachhilfe für Kinder mit migrantischem Hintergrund angeboten. »Sprint« ist die Abkürzung für »Sprache und Integration«. Der Gründer Herbert Weber sitzt bereits mit einer Schülerin an einem der Tische und hilft ihr bei den Geometrie-Hausaufgaben.
Während ich in einer gemütlichen Sitzecke auf ihn warte, lerne ich Coenraad kennen, der einmal die Woche hierher kommt, um Nachhilfe zu geben. Er erzählt mir, dass manche Kinder den Medienhof auch nur aufsuchen, um allein in Ruhe zu arbeiten. Manche der Familien im Soldiner Kiez leben auf sehr beengtem Raum. Manchmal gibt es nicht einmal einen Tisch, an dem die Kinder ihre Hausaufgaben machen können. Auch einen Computer hat nicht jeder.
Beinahe im Minutentakt kommen Schüler aller Altersklassen zur Tür herein und auch Coenraad muss nun einer Schülerin aus dem Kosovo bei den Hausaufgaben helfen. Zwei Zehntklässler bereiten mit Sammy, der selbst lange Nachhilfe bei »Sprint« bekam und nun studiert, eine Powerpoint-Präsentation über Hexenverfolgung für ihre MSA-Prüfung vor. Ein junger Lehramtsstudent kommt herein, fragt Herrn Weber, ob er Nachhilfe in Chemie geben darf. Er wird gleich eingespannt, bekommt einen Honorarvertrag über 15 Euro die Stunde.
Nun hat Herr Weber, ein agiler Mann in seinen 60ern, Zeit für mich. Er erzählt mir, dass er selbst aus einer Dachdeckerfamilie kommt und gegen den Willen seiner Eltern Abitur gemacht hat. Sein Bildungsdrang hat ihn sein Leben lang begleitet. Nach einer Lehre als Landschaftsgärtner – den Eltern zuliebe – studierte er Deutsch und Politik auf Lehramt und Magister, arbeitete als Deutschlehrer in den USA. Nach seiner Rückkehr war er eine Zeit lang als Redakteur tätig und gründete 2005 »Sprint«. Denn er findet es »so wichtig, dass diese Kinder eine Chance bekommen. Für sich selbst, aber auch für unsere Gesellschaft. Denkt man alleine an die Demografie in Deutschland! Diese Kinder, die noch Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, sind unsere Zukunft.«
Zuerst wurde »Sprint« von der Stiftung Mercator gefördert, aber nur für drei Jahre. In einer TV-Sendung warb Weber dann für das sterbende Projekt. Kurz darauf rief Dr. Bloechle an und fragte ihn, was er denn brauche. »5000 Euro für drei Monatsmieten, sonst können wir das ganze Projekt einstampfen«, lautete Webers Antwort. Bloechle, der eine Kinderwunschklinik in Charlottenburg betreibt und immer wieder Kinder erlebt, die von Anfang an weniger Chancen haben als andere, überwies ihm das Geld noch am selben Tag – und unterstützt »Sprint« seitdem. Auch Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (Grüne) ist es zu verdanken, dass es das Projekt überhaupt noch gibt. Als sie noch im Abgeordnetenhaus war, sorgte sie mit der SPD-Abgeordneten Maja Lasic dafür, dass »Sprint« eine Senatsförderung bekommt. 210 900 Euro erhält das Projekt seitdem, das Budget steht jedoch jährlich auf der Kippe. Zusätzlich müssen jedes Jahr 70 000 Euro an Spenden und Stiftungsgeldern akquiriert werden.
Vor Jahren, kurz vor Weihnachten, war es wieder einmal besonders eng. Da rief Elmira an, eine ehemalige Schülerin von Weber. Die junge Türkin absolvierte mittlerweile ein duales Studium bei Hochtief. Sie hatte »Sprint« für die Weihnachtsspende vorgeschlagen – und so war die Miete wieder für drei Monate gesichert.
Insgesamt arbeiten in dem Projekt 50 Studierende und drei Teilzeitangestellte, außerdem einige Ehrenamtliche. Geöffnet ist jeden Nachmittag für drei Stunden, aber die Lehramtsstudierenden gehen auch morgens in Schulen im Kiez, um Lehrer zu unterstützen.
Weber wendet sich nun einem Mädchen zu, das höflich wartend seit einer Weile neben uns steht: »Hi, Kinsa. Hast du was lesen können? Oder war die Verfassung von Solon doch zu schwer?« Das Mädchen nickt. »Such’ dir jemanden, der Geschichte kann. Wenn du niemanden findest, dann helfe ich dir später.« Kinsa macht sich erleichtert auf die Suche.
»Wir helfen da, wo die Eltern es wegen der Sprache und der Vorbildung nicht können«, sagt Weber. Fast alle Schüler, die kommen, sind motiviert, wollen eine Ausbildung oder Abitur machen und später studieren. Jeden Tag kommen ungefähr 50 Schüler, im Jahr sind es über 1000. Besondere Probleme haben sie mit den Schulbuchtexten. In der Pandemie und durch Chat-GPT ist das Schrift- und Sprachniveau noch einmal gesunken. »Wenn dort Fußballen steht, denken viele Kinder, es sei die Ferse. Im elften Schuljahr wissen sie oft nicht, was ein Kalb ist oder eine Birke«, sagt Weber.
Die Schulen im Kiez seien wegen der vielen unterschiedlichen Lernbedürfnisse der Kinder völlig überlastet, fährt er fort. Ich frage ihn, welche politischen Entscheidungen seine Arbeit sofort positiv beeinflussen würden? »Ganz große Effekte würde Frühförderung haben«, antwortet er. Es sei eine Katastrophe, dass das Sprachkitaprogramm gestrichen wurde. Dabei sei es sehr erfolgreich gewesen. Es gab Erzieherinnen, die darin fortgebildet wurden, wie sie spielend Sprache in der Kita vermitteln können. Und dann zog man diese Fachleute plötzlich für andere Zwecke ab. »Man hat zwischen drei und fünf Jahren ein Riesen-Sprachfenster – in der Zeit müssen die Kinder gefördert werden. Nach fünf schließt sich zum Beispiel das Verständnis für den Genus! Die Artikel der, die und das richtig zuordnen zu können, ist aber essenziell für das Textverständnis. Wenn ich zum Beispiel sage: ›Die Speise gelangt in den Magen, danach verdaut er die Speise‹. Dann denkt fast jedes der Kinder hier, dass ›er‹ der Typ ist, der was isst. Und nicht der Magen selbst. Der ganze Textzusammenhang fehlt, der bei dem Muttersprachler einfach da ist. Es ist so kurzsichtig, diese Kinder nicht früher zu fördern«, schließt Weber kopfschüttelnd.
Es macht einen auch voll glücklich zu sehen, wenn die Schüler etwas verstanden haben, was du ihnen erklärt hast, und sie dann zu dir kommen und sagen: Ich habe eine Zwei bekommen!« Noor Nachhilfelehrerin bei »Sprint«
Weber ist für Ganztagsschulen: »Kaum eines der Kinder hier hat ein Hobby, bei dem es sowohl Selbstvertrauen gewinnen, als auch sich mal mit etwas anderem als nur mit Schultexten beschäftigen kann. Im Frontalunterricht redet nur der Lehrer. Aber wenn sie eine Theater-AG hätten oder gemeinsam kochen, dann reden sie miteinander – und zwar auf Deutsch! Und die Ganztagsschule wäre ein Lebensort, zu dem man gerne geht, weil man dort spannende Sachen macht, ob bei der Schülerzeitung, in einer Roboter-AG oder in einer Schulgarten-AG.« Viele Mädchen aus muslimischem Elternhaus dürften nicht in Vereine, um einem Hobby nachzugehen. In den Schulen aber könnten AGs für die Mädchen auch Emanzipationsprojekte sein.
Die Deutschförderung in Berlin sei zudem ein ziemliches Desaster, erklärt Weber. Zwar gebe es 600 Lehrerstellen für Deutsch als Zweitsprache (DAZ), doch wird deren Stundenkontingent oft für andere Zwecke verbraucht. »An jeder Schule müsste deshalb mindestens ein realer DAZ-Lehrer existieren, der wirklich nur für Sprachförderung zuständig ist, der den Kollegen und Schülern hilft und Sprachmaterialien für die Fächer entwickelt«, fordert Weber.
Um die Sprachkompetenz zu verbessern, hat »Sprint« vor zwei Jahren auch ein Patenprojekt aufgezogen – Sprach- und Schreibpaten gehen einmal in der Woche zu den Kindern nach Hause. Sie können die Schüler dann ein Jahr lang kontinuierlich begleiten, sodass diese strukturiert ihre Deutschkenntnisse ausbauen können. Leider ist die Finanzierung durch den Senat erst einmal ausgelaufen, eine Reaktion auf die neuen Anträge steht noch aus. »Das neue Projekt ist sehr integrativ«, begeistert sich Weber. »Dass eine ehemalige Richterin des Europäischen Gerichtshofs oder ein Softwareunternehmer dann zum Beispiel in eine syrische Familie geht, die erst seit zwei Jahren hier ist – da kommen Milieus zusammen, die sonst nie aufeinanderträfen.«
Wie weit »Sprint« mit seinem Konzept gekommen ist, die Kinder sowohl sprachlich als auch fachlich zu fördern, merke ich, als ich mich mit Noor unterhalte, die gerade einer 13-Jährigen Nachhilfe gibt. Noors Eltern stammen ursprünglich aus dem Irak. Zum ersten Mal kam das Mädchen aus einfachen Verhältnissen mit 16 hierher, weil sie mit einer Analyse in ihrem Leistungskurs Kunst nicht klarkam. »Hätte ich früher gewusst, dass es Sprint gibt, wäre ich eher hergekommen«, sagt sie rückblickend. »Über Freunde aus meinem Abijahrgang bin ich erst darauf aufmerksam geworden.« Mittlerweile studiert Noor Zahnmedizin in Berlin. Als ich sie frage, warum sie neben dem aufwendigen Studium noch hierherkommt, um Nachhilfe zu geben, lächelt Noor: »Ich weiß selbst noch, wie es war, niemanden zu haben, der richtig Deutsch kann, der dir alles erklären kann. Es macht einen auch voll glücklich zu sehen, wenn die Schüler etwas verstanden haben, was du ihnen erklärt hast, und wenn sie dann zu dir kommen und sagen: Ich habe eine Zwei bekommen! Das ist so ein schönes Gefühl!«
Mit diesem schönen Gefühl verlasse ich das Nachhilfeprojekt »Sprint«, das vor Kurzem den Integrationspreis von Berlin-Mitte erhielt. Leider gab es nur eine Urkunde und kein Preisgeld. Vielleicht trägt dieser Artikel dazu bei, dass »Sprint« die wertvolle Arbeit fortführen kann. Eigentlich könnte man nämlich in der Wiesenburg im Wedding noch einen zweiten Standort eröffnen, aber dafür fehlen leider noch die finanziellen Mittel.
Foto (c) 2026 Gabriele Summen
SprInt-Reportage in nd / Jan. 2026