Dreckiges System
Kilian Armando Friedrich zeigt halbdokumentarisch die Ausbeutung in der Gebäudereinigung
Die Regierung Merz prangert die vermeintlich schlechte Arbeitsmoral der Deutschen anzuprangern. Man sollte sie zwingen, sich das semi-dokumentarische Spielfilmdebüt von Kilian Armando Friedrich anzuschauen.
Eigene Job-Erfahrungen in der Gebäudereinigung inspirierten den Regisseur zu „Ich verstehe ihren Unmut“. Ursprünglich wollte er ihn mit seiner ehemaligen Vorgesetzten drehen. Doch dazu kam es nicht mehr, da sie sich das Leben nahm. Protagonistin Heike (mitreißend: Sabine Thalau) – wie alle anderen im Cast eine Laiendarstellerin – arbeitet ebenfalls als Objektleiterin in der Gebäudereinigung.
Rastlos folgt die Handkamera ihr, wie sie zwischen Malls, Kindergärten und Altenheimen hin-und herhastet, ihre Mitarbeiter*innen zurechtweist, wenn sie trödeln oder nicht gründlich genug putzen. Fällt eine*r wegen Krankheit aus, muss sie selbst einspringen.
Auf der Autofahrt zwischen den Einsatzstellen bekommt sie den Unmut ihrer Kund*innen zu spüren oder darf sich harsche Kritik von ihrem Chef anhören. Der sieht sich aufgrund von Personalmangel gezwungen, sich den Subunternehmer Vadym gewogen zu halten. Als Heike versucht, einen von dessen illegal Beschäftigten zu helfen, indem sie ihn einstellt, zwingt Vadym ihren Chef, zwei Objekte an ihn abzutreten, weshalb Heike einen Mitarbeiter entlassen muss.
Das ist das bittere Herzzstück des Films, der verschiedentlich aufzeigt, wie in diesem Ausbeutungsystem zwangsläufig auch noch die Solidarität untereinander flöten geht. Dennoch versucht Heike etwas zu ändern. Sie würde gern eine kollektiv organisierte Reinigungsfirma zu gründen – nur um vom Arbeitsamt zu hören, sie solle lieber bis zur Rente einfach „weiterfunktionieren“.
Prekär Beschäftigten war auch schon Thema in Friedrichs Dokumentarfilm „Atomnomaden“ – über von AKW zu AkW ziehende Reinignung- und Wartungskräfte in Frankreich. Filme der Dardenne-Brüder und von Ken Loach, aber auch Petra Volpes aufrüttelndes Pflegekraft-Drama „Heldin“ kommt einem außerdem in den Sinn, während man Heike bei ihrem Arbeitsirrsinn zuschaut. Ein erschütterndes Protokoll der erzwungenen Selbstaufgabe, das Adornos Diktum von der Unmöglichkeit eines richtigen Lebens im Falschen schmerzhaft spürbar macht.
Foto (c) WennDann Film GmbH
In: Stadtrevue von Mai ’26