Fluch der KI
In »Good Luck, Have Fun, Donʼt Die« versucht ein Zeitreisender mit einer schrägen Diner-Truppe, die Welt vor einer bösen KI zu retten
Jeder dritte Deutsche hat Angst vor den Folgen der Entwicklung künstlicher Intelligenz: Jobverlust, Desinformation und Manipulation, Verlust des selbstständigen Denkens, Kontrollverlust durch autonome KI-Systeme und Anstieg der Cyberkriminalität sind nur einige Schreckensszenarien, die einem auf Anhieb durch den Kopf spuken.
In seinem Spielfilm, der dystopischen Satire »Good Luck, Have Fun, Donʼt Die«, die bereits auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion »Special« lief, spielt Regisseur Gore Verbinski (»Fluch der Karibik«) lustvoll und anarchisch mit Versatzstücken dieser Ängste.
Es beginnt furios mit einer zehnminütigen Szene: An einem verregneten Abend betritt ein verkabelter Mann mit Rauschebart und durchsichtigem Regenumhang ein Diner in Los Angeles und versetzt alle in Angst und Schrecken – »Pulp Fiction« lässt grüßen.
Der wie ein derangierter Cyberpunk wirkende Namenlose fragt die Anwesenden eindringlich, wer bereit wäre, mit ihm die Zukunft zu retten. Angeblich ist er in einer Art Zeitschleife gefangen und unternimmt schon zum 117. Mal den Versuch, die Machtübernahme einer Über-KI zu verhindern, welche die Menschheit vollends ins Verderben stürzen wird. »Und täglich grüsst das Murmeltier« kommt einem in den Sinn und prompt wird diese popkulturelle Referenz im Film auch vergnügt verbalisiert.
Wirklich neue Gedanken zur KI-Debatte und unserer exponentiell ansteigenden digitalen Abhängigkeit erwartet man hier vergebens
Obwohl der Mann aus der Zukunft auf alle wie ein psychotischer Obdachloser wirkt, finden sich schließlich sieben Freiwillige, die in vergangenen Zeitlinien noch nicht versagt haben, um ihm bei seiner Mission zu helfen. Schließlich würde er andernfalls den Laden in die Luft sprengen.
Der von Oscar-Preisträger Sam Rockwell mit ansteckendem Vergnügen verkörperte Zeitreisende versucht nun, gemeinsam mit seinen frisch gewonnenen Unterstützern aus dem von der Polizei umstellten Diner zu fliehen. Zu ihnen gehören die alleinerziehende Mutter Susan (großartig: Juno Temple), die vor Kurzem Schreckliches durchgemacht hat, die recht exzentrisch wirkende Ingrid im Prinzessinnenkleid (Haley Lu Richardson) und das Lehrerpärchen mit Beziehungsproblemen Mark (Michael Peña) und Janet (Zazie Beetz). Wird dieses chaotische, nicht nur von Auftragskillern verfolgte Team es dieses Mal rechtzeitig zu dem mysteriösen Haus in den Suburbs schaffen, in dem die totale Kontrolle der Menschheit durch die KI ihren Anfang nehmen wird?
In drei Rückblenden erfährt man mehr über die Menschen, die das Kernteam der Truppe bilden: Da ist zum einen der Lehrer Mark, der entsetzt ist, dass alle Teenager während des Unterrichts auf ihr Smartphone starren und ihn wie Zombies verfolgen, als er versehentlich einmal das Handy eines Mädchens berührt. Eine trashige Waffe, die einer seiner Kollegen entwickelt hat, um die »Smombies« kurzzeitig aus ihrer Trance zu wecken, wird später noch eine Rolle spielen.
Zum anderen erlebt man in einer tragikomischen Szene, wie entsetzt Ingrids Eltern reagieren, als sie erfahren, dass ihr Kind eine Allergie gegen W-LAN und Mobiltelefone hat! Heftiges Nasenbluten ist die Folge! So verdient sich die erwachsene Ingrid ihren Lebensunterhalt notgedrungen als Prinzessin auf Kleinmädchen-Geburtstagen, die noch weitestgehend handyfrei vonstattengehen.
Susan dagegen hat soeben schweren Herzens zum ersten Mal ihren Sohn klonen lassen, der bei einem Schulmassaker ums Leben kam. Andere Eltern, die sie daraufhin kennenlernt, haben das schon mehrfach erlebt – und ihre geklonten Kinder zum Teil mit angenehmeren Eigenschaften oder einer Werbeansprache pro Tag (wesentlich kostengünstiger) ausstatten lassen.
Mag man diese Art von grobschlächtig-anarchischem Humor, erwartet man keine psychologisch ausgereiften Charaktere oder ein Szenario, das sich zum Schluss nahtlos aneinander fügt, so wird man an der schrägen Endzeitparabel Gefallen finden. Gegen Ende wartet sogar noch ein Horror-Schmankerl für Katzenvideo-Liebhaber auf den geneigten Zuschauer.
Die Rettungsmission der bunt zusammengewürfelten Truppe wirkt zuweilen wie ein von einer KI erdachtes Computerspiel, in dem man etliche Hindernisse bis zum Endgegner überwinden muss – allerdings mit wesentlich mehr anarchischem Humor und chaotischeren Einfällen, als es ChatGPT und seine digitalen Kumpane zurzeit zustande bringen. Wirklich neue Gedanken zur KI-Debatte und unserer exponentiell ansteigenden digitalen Abhängigkeit erwartet man hier allerdings vergebens.
Das Finale der aberwitzigen Dystopie, die das Zeug zum Kultfilm hat, lässt einige Fragen offen und böte durchaus Potenzial für eine Fortsetzung. Bleibt jedoch abzuwarten, ob sich dafür noch einmal Geldgeber finden. Regisseur Gore Verbinski, der Ende des vergangenen Jahrhunderts mit Punk-Videos von Bands wie L7, Bad Religion und Monster Magnet seine Karriere begann, schlingert schließlich erfrischend menschlich seit den ersten drei Teilen von »Fluch der Karibik« zwischen Megaerfolg und finanziellen Totalflops.
Foto (c) Constantin Film