Ein unmoralischer Job
Mit »Rental Family« widmet sich Hikari dem nicht nur in Japan bekannten gesellschaftlichen Phänomen Einsamkeit
Einsamkeit und soziale Isolation sind in Japan mittlerweile ein so gravierendes gesellschaftliches Problem, dass 2021 ein »Minister für Einsamkeit« ernannt und eine Taskforce eingerichtet wurde. Auch Großbritannien hat bereits ein Ministerium für Einsamkeit, und Deutschland sieht sich ebenfalls gezwungen, mit gezielten Maßnahmen gegen seine größte Volkskrankheit vorzugehen.
In Japan, wo beispielsweise der Gang zum Therapeuten häufig immer noch stigmatisiert ist, weil den Betroffenen persönliches Versagen unterstellt wird, ist Einsamkeit jedoch weitaus schambehafteter als in Europa. Deshalb gibt es dort viele Agenturen, bei denen man Familienmitglieder oder Freunde mieten kann.
Werner Herzog widmete sich in seinem Dokumentarfilm »Family Romance, LLC« bereits diesem Phänomen. Einige Szenen scheint Regisseurin und Drehbuchautorin Mitsuyo Miyazaki – besser bekannt als Hikari – übernommen zu haben. Der zweite Film der Regisseurin, die mit dem Sozialdrama »37 Seconds« 2019 auf der Berlinale den Publikumspreis sowie den Preis der internationalen Filmkritiker- und Filmjournalisten-Vereinigung FIPRESCI gewonnen hat und drei Folgen der erfolgreichen Serie »Beef« inszenierte, spielt ebenfalls in Tokio.
Kameramann Stephen Blahut hat die pulsierende Großstadt voller Brücken, Lichter, Hochhäuser, stiller Tempel und endloser Menschenströme hingebungsvoll fotografiert – so einnehmend, dass man am liebsten sofort die nächste Reise dorthin buchen würde. Zusammen mit der sehnsuchtsvollen Musik von Jónsi und Alex Somers und David Byrnes »Glass, Concrete & Stone« erinnert der Film gelegentlich an Sofia Coppolas melancholisches Drama »Lost in Translation«.
Phillip Vandarpleog, ein amerikanischer Schauspieler, dessen größter Erfolg vor einigen Jahren eine japanische Zahnpasta-Werbung war, lebt dort recht isoliert. Abends prostet er aus seinem Schuhschachtel-Appartement den unbekannten Nachbarn gegenüber zu, ab und an schläft er mit einer netten Sexarbeiterin und hält sich mit entwürdigenden Schauspiel-Jobs über Wasser.
Eines Tages bekommt er das Angebot einer Casting-Agentur, bei einer Beerdigung den »traurigen Amerikaner« zu mimen. Doch Phillip ist geschockt, als der vermeintliche Tote plötzlich aus dem Sarg aufersteht und ihm erklärt wird, dass diese Fake-Beerdigung von der Agentur »Rental Family« inszeniert worden sei.
Der Chef der Agentur, die mit dem Slogan »Wir bieten wahres Glück« wirbt, erkennt Philipps Potenzial und bietet ihm eine Anstellung als »Quotenweißer« an. Nach einigem Zögern sagt Philipp zu – eine Traumrolle für den sanften Riesen Brendan Fraser, der 2024 für seine zutiefst berührende Performance als extrem übergewichtiger Lehrer in dem Drama »The Whale« den Oscar bekam und für »Rental Family« sogar extra Japanisch gelernt hat.
Bei seinem ersten großen Job soll er die Familie einer lesbischen Japanerin täuschen, indem er vorgibt, sie zu heiraten. Seine Gewissensbisse werden so groß, dass er die Hochzeit beinahe im letzten Moment absagt. Doch die Vermählung eröffnet der jungen Frau den Freiraum, mit ihrer Geliebten nach Kanada, ins Heimatland des vermeintlichen Bräutigams, zu ziehen. Philipp begreift, dass es »manchmal okay ist, so zu tun, als ob«, wie seine Kollegin Aiko ihm einmal erklärt.
Auch sein nächster Job weckt in ihm große moralische Zweifel: Für die elfjährige Mia soll er den Vater mimen. Auftraggeberin ist Mias ehrgeizige Mutter, die das Mädchen bei einer renommierten Schule unterbringen möchte und sich bessere Chancen beim Bewerbungsgespräch erhofft, wenn Mia einen Vater vorweisen kann. Doch Phillip entwickelt echte Gefühle für das aufgeweckte Mädchen, genauso wie für den in Vergessenheit geratenen Schauspieler Kikuo Hasegawa (Akira Emoto), der allmählich dement wird. Im Auftrag seiner Tochter spielt er für ihn einen Journalisten, der sich brennend für sein Leben interessiert.
Anders als Herzog ist Hikari weniger an der kritischen Auseinandersetzung mit dem absurden Geschäftsmodell des Vorspielens von Gefühlen, aufrichtigem Interesse, Freundschaft und Familienzugehörigkeit interessiert, als an der Frage, ob diese Fake-Emotionen nicht auch Gutes im Leben aller Beteiligten bewirken können. So kommt Philipp, indem er versucht, Emotionen vorzutäuschen, wieder in Kontakt zu seinen wahren Gefühlen und beschließt – entgegen den Regeln des Unternehmens –, sich auf seine Kunden wahrhaft einzulassen und eine echte Rolle in ihrem Leben zu spielen.
Philipp und seine ebenfalls recht einsamen Kollegen lernen durch ihren zunächst komplett unmoralisch wirkenden Job, was es bedeutet, eine Rolle im Leben anderer Menschen zu spielen. Das wirkt gelegentlich rührselig und unrealistisch, ist aber ein durchaus interessantes Gedankenexperiment – zumal Frasers verletzliche, unverstellte Leinwandpräsenz noch lange im Zuschauer nachhallt.
Apropos, die Praxis betrügerischer japanischer Ehemänner, sich eine vermeintliche Geliebte zu buchen, damit die hinterhältige Verführerin vor der Gattin alle Schuld für den Fehltritt ihres Mannes auf sich nimmt, wird von Hikari eindeutig verurteilt.