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Raus also ins Jetzt

Der vielfach preisgekrönte Schriftsteller Sasa Stanisic, der einst in Heidelberg Deutsch lernte und in Mannheimin einem Hotel jobbte, hat seine Dankesreden nun als Buch veröffentlicht: ein Glücksfall, auch wenn der Buchtitel wieder sehr sperrig ist: „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird. Eine Ermutigung“.

Wie kommt man als Autor bloß auf die Idee, seine Dankesreden zu veröffentlichen? Reicht es nicht, ein paar Kunstbeflissene und Bedienstete im Bergwerk der Literatur bereits einmal zu höflichem Applaus genötigt zu haben? Oder, wie der virtuose Wortkünstler Saša Stanišic es selbst ausdrückt: „Reden hält man und basta.“

Dennoch hat der hochtalentierte Schriftsteller, der mit seinen Eltern als 14-jähriger vor dem Krieg in Bosnien nach Deutschland, genauer gesagt: Heidelberg, flüchtete, hier erst Deutsch lernte und Literaturpreise sammelt wie andere Bierdeckel oder Muscheln, sich entschlossen, seine Reden in einem Buch zu versammeln.

Ein Glück, denn so mancher Autor würde seine linke Hand hergeben, wenn seine Romane nur halb so unterhaltsam wären wie Stanišics Reden, ein Kapitel so fantasievoll wie ein einziger seiner Absätze.

Eine strenge Mathelehrerin

Nicht nur seine Romane, wie sein 2019 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnetes Werk „Herkunft“ oder sein letzter Erzählungsband „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“ sind ein Feuerwerk an mitreißenden und humorvollen Assoziationen, die den Ernst der Lage umtanzen wie der Medizinmann den Kranken.

Dennoch gelingt es Stanišic am Ende immer wieder, einen Kreis zu schließen, selbstverständlich auch den Stromkreis, der diesem Buch seinen Titel gibt und unsinnigerweise, wie er findet, in allen Physikbüchern als Rechteck abgebildet wird.

Die Funken schlagende Stromkreis-Rede, in der es darum geht, wie funktionierende oder auch blockierte Energiekreisläufe unser Leben bestimmen und wie wir den Strom wieder zum Fließen bringen und unsere Stromkreise miteinander verbinden können, hält er vor Weilheimer Schülern, die ihn 2021 für den „Weilheimer Literaturpreis“ ausgewählt hatten. „Ich werde also von einer Sache sprechen, die ich nicht wirklich verstehe, und eine andere meinen, die ich eigentlich auch nicht wirklich verstehe, Schriftsteller machen das oft“, warnt er charmant sein junges Publikum.

An Geistesblitzen mangelt es Stanišic nicht, um imBild zu bleiben. Seine Rede zur Verleihung des Nelly-Sachs-Preises umkreist eine der jüdischen Nobelpreisträgerin durchaus ebenbürtige Frau: Genossin Rozalija Mimic, seine frühere Mathematiklehrerin in seiner damals noch als Jugoslawien vereinten Heimat. Kurz vor Ausbruch des Bosnienkrieges beschloss die strenge Lehrerin, dass es nun vor allem wichtig sei, die Kinder eindringlich vor den Auswüchsen des Nationalismus zu warnen. „Genossin Rozalija Mimic hat ihre Rolle als Pädagogin so interpretiert, dass sie Kindern beides beibringen sollte: Geometrie und Empathie – Formeln für Funktionen und Formeln gegen den Hass.“ Wie in viele seiner Reden, ermutigt er seine Leser zu mehr Menschlichkeit und Zivilcourage – besonders angesichts der auch in Deutschland erstarkenden Rechten.

In einer Poetikvorlesung wiederum, die er 2020 an der Hochschule Rhein-Main gehalten hat, plaudert Stanišic dann aus seinem Werkzeugkästchen, erzählt, wie er bei der Recherche vorgeht, und dass er sich noch heute darüber ärgert, dass er in seinem Roman „Herkunft“ aus der Metalband Megadeth „Megadeath“ geschludert hat.

Aber er wird auch im Vortragsgenre fiktiv: In einer Rede, die er gern einmal in Graz halten würde, fährt er gemeinsam mit dem aufmüpfigen Thomas Bernhard in einem roten Peugeot 404 zu einer Weinprobe. In einer anderen, wieder autobiografischen, erzählt er von seinem Deutschlehrer, der ihn glücklicherweise ermutigt hat, weiterzuschreiben. Ein anderes Mal fragt er sich, welchen Sound eigentlich Häuser haben – das Haus seiner Kindheit, das der Großmutter oder auch ein Literaturhaus, dem zu Ehren Stanišic ebenfalls eine auf dem schmalen Grat zwischen Humor und Ernsthaftigkeit balancierende Rede gehalten hat.

Immer wieder legt der 47-jährige überraschend den Schalter um, fabuliert während seiner Marbacher Schillerpreisrede einfach über einen Stuhl, der auf einer Brache in der Nähe seiner Wohnung steht oder lässt in seiner Dankesrede zum Schubert-Preis in Aalen einfach eine Figur aus seinem Roman „Vor dem Fest“ reden: Lada, eine junge Frau aus Fürstenfelde, freut sich „brutal“ über den mit 15.000 Euro dotierten Preis, den sie für Stanišics Erzählband „Fallensteller“ entgegennimmt. Und da man das Preisgeld für das Gesamtwerk nicht versteuern muss, beschließt sie, nie wieder etwas zu schreiben. Was für ein köstlicher Spaß!

Sich für andere einsetzen

In seiner Rede zur Verleihung des Wilhelm-Raabe-Literaturpreises dann bringt Stanišic den Tod einer Ringeltaube und „das schleichende Sterben von Kunst und Kultur“ elegant in Verbindung mit einem Grundgedanken Raabes: „Wieviel Zeit von seinem eigenen Tage behält man übrig für die Bedrängnisse anderer?“

Und man kann einen Text über dieses anregende Bändchen, das den Leser im wahrsten Sinne des Wortes zu bewegen vermag, nicht besser beenden, als mit ein paar Fragen, die Stanišic selbst gegen Ende den Zuhörenden stellt: „Welches Gedicht würden sie auswendig lernen, nachdem man sie aus ihrem Land vertrieben hat? Haben Sie ein Ehrenamt inne? Wann haben sie zuletzt eine Ungerechtigkeit mitbekommen und haben, statt weiterzuscrollen oder weiterzulaufen, gehandelt?“ „Raus also ins Jetzt“, so schließt „der Jugo“, wie er sich selbst gern nennt, diese bewegende Rede.

Foto: Frank Rumpenhorst / DPA

In: Die Rheinpfalz von Dez. 2025