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Ausgeliefert in Paris

Mit dokumentarischen Elementen schildert Boris Lojkines die Geschichte eines Migranten in Paris

Eigentlich sind es drei Geschichten, die Boris Lojkines urbaner Dokuthriller erzählt – dicht miteinander verschränkt. Die Kamera klebt buchstäblich für 48 Stunden an dem Asylsuchenden Souleymane, der sich als Essenskurier durch den naßkalten Pariser Großstadtdschungel schlägt. Zudem muß der Guineer für seinen Asylantrag vortäuschen, ein politisch Verfolgter zu sein, und eine von einem Landsmann gegen Bezahlung für ihn erfundene Lebensgeschichte auswendig lernen. Und dann ist da noch die wahre, erschütternde Geschichte von Souelymanes Darsteller Abou Sangaré, die der Laiendarsteller selbst Ende des Films erzählt.

Doch zunächst radelt Souleymane rastlos bei Wind und Wetter durch die in kühlen Farben eingefangene Stadt. Kameramann Tristan Galand filmte dabei von einem Lastenfahrrad aus, was dem Film einen eindringlich dokumentarischen Charakter verleiht. 

Da Souleymane keine Arbeitserlaubnis hat, stellt ihm ein weiterer Landsmann mit Aufenthaltsbewilligung seinen Lieferdienst-Account gegen einen unverschämten Preis zur Verfügung – die Gnadenlosigkeit des kapitalistischen Systems macht auch vor den eigenen Leuten nicht Halt. Der Kaltherzigkeit eines Restaurantbesitzers – ein Cameo-Auftritt des Regisseurs – und verschiedener Kund*innen ist Souleymane ebenfalls hilflos ausgeliefert. 

Nur gelegentlich blitzt so etwas wie Menschlichkeit auf: Ein spendierter Kaffee, ein netter Bettnachbar im Obdachlosenasyl oder ein alter Kunde, der ihn nach seinem Namen fragt. Wem bei Ken Loachs Gig-Economy-Drama „Sorry We Missed You“ (2019), bereits vor Wut Tränen in den Augen standen, der besorge sich besser noch einen Boxsack, denn die Odyssee dieses jungen Mannes ist noch unmenschlicher.

Letztlich wirkt die bittere Ironie der Geschichte noch weit nach Ende des Films nach, denn Hauptdarsteller Sangaré kam vor sieben Jahrennach Frankreich um sich ein besseres Leben aufzubauen. Doch erst nachdem 2024 unter anderem einen Europäischen Filmpreis  und einen César gewann, bekam er vergangenes Jahr eine Arbeitserlaubnis. Für ein Jahr. 

In: Stadtrevue / Jan. 2026

Foto (c) Unité, Canal+, Cine+, Pyramide Distribution