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Hab‘ jetzt ’ne Katze

Ein tragikkomischer, zutiefst berührender Film über einen Missbrauchfall

So eine beste Freundin wie Agnes und Lydie es füreinander sind, hätte jede*r wohl gern!

„Hab jetzt ’ne Katze“ sagt Agnes, die einige Zeit zuvor von ihrem Professor vergewaltigt wurde, zu ihrer Mitbewohnerin und besten Freundin Lydie. „Was immer du brauchst“, antwortet diese lakonisch.

Ein Film über sexuellen Missbrauch? Ach ne, vielleicht ein anderes Mal. Diesen Fehler sollte man nicht begehen, denn dann verpasst man den vielleicht einfühlsamsten, vielschichtigsten, vor trocknem Humor sprühendsten, lebensbejahendensten Film des Jahres, der beim diesjährigen Sundance-Filmfestival zu Recht den Drehbuchpreis gewann. Komikerin Eva Victor schrieb nicht nur das raffinierte Drehbuch ihres Filmdebüts – sondern übernahm auch die Hauptrolle der Agnes.

Diese lebt zu Beginn des in fünf Kapiteln unterteilten Films, der gekonnt in der Zeit vor und zurückspringt, immer noch in dem recht einsam gelegenen WG-Häuschen aus Studienzeiten in der Nähe von Massachusetts. Als ihre mittlerweile in New York lebende Freundin Lydie (Naomi Ackie) sie besucht, ist sie überglücklich. Victor und Ackie verkörpern dieses besten Freundinnen-Duo dermaßen überzeugend, dass ihre Emotionen überspringen, als sei man selbst Teil dieser verschworenen Freundinnenschaft.

Dann aber folgt die Episode, in der Agnes als Studentin von ihrem Professor bei einem Hausbesuch sexuell genötigt wird. Wie Victor diese Szene umsetzt, respektvoll vor allen Missbrauchsopfern aber dennoch an Eindringlichkeit kaum zu überbieten, ist schlichtweg genial.

Wie Agnes sich dann über die Jahre von diesem Trauma befreit, ohne auch nur eine Sekunde Opfer-Stereotype zu bedienen, berührt zutiefst. Die Institutionen reagieren dagegen erschreckend schablonenhaft auf ihr Trauma: Der wenig einfühlsame Arzt, den Agnes nach ihrem Missbrauch aufsucht – den die Freundinnen gnadenlos vorführen. Die beiden verlogenen Mirbeiterinnen der Uni, die Verantwortung verweigert. Absurd und erschütternd zugleich. Dann aber wieder gibt es Szenen, wie die mit dem Besitzer eines Sandwichladens, der Agnes voller Mitgefühl durch eine Panikattacke hilft.

Ja, „Sorry, Baby“ handelt von Missbrauch, aber in erster Linie ist es eine zärtliche Tragikkomödie über die Kraft der Freundschaft und echter Empathie – von einer Regisseurin, deren nächstes Werk man kaum erwarten kann.

Foto (c) Mia Cioffi Henry/AP

In: Stadtrevue / Dez. ’25