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Foto (c) Capelight Pictures, Filmstill aus “Burning”

Systemsprenger und Babyboomer

Im Popjahr 2019 wurden Filmbilder am Computer generiert, Songs wurden gestreamt und ins Kino fuhr man mit dem E-Roller. Was die jüngste Generation den Boomen verdankt, wer im “Fuckroom” masturbiert hat und wie viel Ironie im vergangen Jahr noch taugte.

von Gabriele und Maurice Summen

Streaming, Social Media und Autotune: Mit diesen Begriffen lässt sich das Jahr 2019 – wie im Grunde das ganze vorhergegangene Popjahrzehnt – salopp zusammenfassen. Netflix und Amazon Prime dominieren immer stärker die Filmwelt und Spotify & Co. den Musikmarkt. Auf Social Media sind Werbung und Meinung für den geneigten Konsumenten immer schwerer auseinanderzuhalten. Und Autotune steht für den hör- und spürbar gemachten Einfluss von Software auf die Musikproduktion. Das Pendant zu Autotune im Film ist CGI (Computer Generated Imagery). Ohne CGI gibt es kein Marvel-Kino, und davon gab es in diesem Jahr mehr als genug.
Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci noch einmal in Saft und Kraft zu sehen – beziehungsweise irritierenden, am Computer erstellten jungen Versionen ihrer Figuren –, wie in Scorceses im besten Sinne tristen Gangster-Epos »The Irishman«, wäre ohne CGI ebenfalls nicht möglich gewesen. Angesichts stetig steigender Kosten wollte niemand außer Net­flix den dreistündigen Film produzieren, nur kurz war er im Kino zu sehen. Denn weiterhin gilt: Ohne Kinoauftritt keine Oscar-Nominierung. Gleiches gilt für Noah Baumbachs lebenskluges Ehedrama »Marriage Story«, das man bereits seit Nikolaus daheim auf dem Sofa anschauen kann.

Längst geben Menschen weltweit mehr Geld für digitales Home-Entertainment aus als für Kinobesuche. Dabei ist die Ausrede, man würde sich aus Klimaschutzgründen lieber dem binge watching zu Hause hin­geben, anstatt ins Kino zu gehen, eine ziemlich bequeme – schließlich ist auch das Streamen eine echte CO2-Schleuder. So oder so steigen die Energiekosten in der Filmbranche für die tägliche Zerstreuung ihrer Konsumenten stetig an. Kein Wunder, wenn man gealterte Stars am Rechner verjüngt.

So kämpfte beispielsweise in diesem Jahr auch der um 28 Jahre verjüngte Will Smith mit sich selbst. Ang Lees wegweisend tiefenscharfer 3D-Sci-Fi-Actionthriller »Gemini Man« wurde von vielen Fans mit Spannung erwartet, enttäuschte aber mit einer schwachen, angestaubten Story und einem etwas seelenlos wirkenden jüngeren Ich des guten alten Smith.

In der atemberaubenden CGI-Steppe von Jon Favreau regierte 2019 der wiedererweckte König der Löwen. Die Shakespeare’sche Tiefe des von Hand animierten Zeichentrickfilms erreicht die sich fast sklavisch an das Original haltende Neuverfilmung aber nicht. Womöglich lässt sich Emotionalität nicht so einfach am Computer generieren.

Gleichwohl ist bereits die Wiederauferstehung von James Dean geplant: In dem Vietnamkriegsdrama »Finding Jack« soll er demnächst eine Hauptrolle »übernehmen«. Die Profiteure wissen womöglich gar nicht, was sie da tun. Da lobt man sich die Musikindustrie, in der ­alternde Rockstars auch ohne CGI Comeback nach Comeback feiern. Dieses Jahr gab es sogar ein neues Album von The Who: Talking ’bout Opas Generation!

Boomer und ihre Enkel

Auch die dritte Staffel von »Stranger Things« lebte in diesem Jahr wieder von Spezialeffekten (und Product Placement). Da mögen die Teens und Twens sich chronisch missverstanden fühlen und täglich »Ok, Boomer« tweeten, aber ohne die Erfahrungen der Babyboomer-Generation ihrer Eltern würde es die Inhalte – wie das ergreifendste Pop-Nerd-Duett aller Zeiten – am Ende gar nicht geben.

Ebenso unheimlich wie »Stranger Things« und sein Eigthies-Retro-Look waren im großen Wiedervereinigungsjahr auch die Auftritte von »Knight Rider« David Hasselhoff. »Da Hoff« trat am 3. Oktober in der Berliner Max-Schmeling-Halle auf, und eine deutsche Werbeagentur machte aus ihm kurzerhand für ein Automobil-Portal den extralahmen Moped-Rider, dessen Videoclips auf Youtube fortwährend nervten. Außerdem nahm er ein merkwürdiges Album voller Coverversionen mit Achtziger-Jahre-Heroin-Musik auf – von The Jesus & Mary Chain über Ministry bis Lords Of The New Church.

Dank dem US-amerikanischen Automobilhersteller Tesla darf derweil in Brandenburg auf den wirtschaftlichen Aufschwung gehofft werden. Der 2019 präsentierte Cybertruck von Tesla sieht genau so aus, wie man sich seit »Mad Max« ein Auto der Zukunft vorstellt. So bruchsicher wie die Karren aus dem Kultfilm ist der Cybertruck allerdings nicht: Bei der Präsentation im November sollte eigentlich beweisen werden, wie stabil das Auto ist; als der Chefdesigner allerdings eine Metallkugel an das Fenster warf, ging dieses sofort zu Bruch. Auf den ­Vorführeffekt ist also immerhin noch Verlass.

Der Soundtrack zur Automobil­zukunft Brandenburgs könnte durchaus vom Berliner Schlager-Cloud-Rapper Capital Bra stammen, der in diesem Jahr mit der Coverversion von Modern Talkings »Cherry Cherry Lady« alle Eckkneipen-Trinker und Shisha-Bar-Besucher zusammenbrachte.
Capital Bra war 2019 auch sonst der in Deutschland meistgehörte Künstler in der stark nach Marihuana duftenden Streaming-Cloud. Ein Verdacht erhärtete sich immer mehr, nämlich der von manipulierten Klickzahlen. Man mutmaßt, dass labelbetreibende Gangster Hacker beauftragt hätten, um User-Accounts zu knacken und die Aufrufe in die Höhe zu treiben. Eine zeitgemäße Praxis der Geldwäsche.

Drogen, Sperma, Systemkritik

Die schmutzigen Rädchen des Kapitalismus in Zusammenhang mit Rauschgifthandel waren dann auch Thema des großartigen Dramas »Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu« von Cristina Gallego und ihrem Mann Ciro Guerra, das zwar schon 2018 Premiere feierte, in Deutschland aber erst im April 2019 anlief. Im Kinosessel hatte man das Gefühl, als hätten die beiden »Der Pate« und »Spiel mir das Lied vom Tod« noch einmal unter Einwirkung von Meskalin inszeniert. Der Film ist inspiriert von realen Ereignissen, er beschäftigt sich mit den Anfängen der Drogenkartelle in Kolumbien. Erzählt wird er aus der Sicht des indigenen Bevölkerungsgruppe der Wayuu, fast alle Rollen sind mit Laiendarstellern besetzt, was dem in der Erzähltradition des magischen Realismus auftretenden Film – mit an Western erinnernden Cinemascope-Bildern – eine hohe Authentizität verleiht. Untermalt mit den von Leonardo Heiblum komponierten Drones gehört der Drogenthriller, der wie »The Irishman« niemals, auch nicht unterschwellig ­Gewalt verherrlicht, zu den Kino-Erlebnissen des Jahres 2019.

»High Life« hieß der Science-Fiction-Film der exzentrischen Filmemacherin Claire Denis. Da ging es aber nicht um Drogenrausch, sondern um zum Tode verurteilte Schwerverbrecher, die statt ihre Strafe zu erleiden lieber mit der durchgeknallten Wissenschaftlerin Dr. Dibs (Juliette Binoche), einer raffinierten Spermadiebin, zum nächstgelegenen schwarzen Loch düsen. Die Masturbationsszene im sogenannten Fuckroom des Raumschiffs gehört jedenfalls unter die Top drei der irritierendsten Filmszenen des ausklingenden Jahrzehnts.

In diesem Tohuwabohu durfte ­natürlich das menschliche Gesamtkunstwerk Lars Eidinger nicht fehlen. Der durfte bereits in Tim Burtons herausragend animierter Disney-Verfilmung von »Dumbo« einen internationalen Mini-Auftritt hinlegen. Sein einziger Satz in »High Life« lautete übrigens: »Lutsch meinen Schwanz, bitte.«

Eidinger zeigt unermüdlich und eindrucksvoll, wie man gleichzeitig Kritiker- und Publikumsliebling sein kann und wie man Shakespeare-Drama und Deichkind-Videoper­formance unter einen Hut bekommt. Gerade seine Auftritte in den Musikvideos zu »Richtig Gutes Zeug« und »Keine Party« von Deichkind führten vor Augen, dass Hyper­ironie längst nicht mehr zur drastischen Systemkritik taugt. Egal, ob man sich im Kadewe einen Oktopus ins Maul steckt oder in Berlin-Wedding wie ein ADHS-Kind zu Bummstechno ohne Unterlass auf dem Boden stampft: Ein Punkrock-Moment will sich nicht mehr so recht einstellen.

Eindringliche Systemkritik hingegen gelang Nora Fingscheidt mit ihrem Drama »Systemsprenger«, das von einem Mädchen erzählt, welches durch alle Raster der Kinder- und Jugendhilfe rasselt. Der Film ging vielen diesjährigen Berlinale-Besuchern durch Mark und Bein, erhielt aber »nur« den Alfred-Bauer-Preis.
Ebenfalls Verlierer im bestehenden System ist der elfjährige libanesische Junge Zain in Nadine Labakis »Caper­naum – Stadt der Hoffnung«. Der in den Slums von Beirut aufgewachsene Junge, dessen kinderreiche Eltern es sich nicht einmal leisten können, ihm und seinen Geschwistern eine Geburtsurkunde zu verschaffen, verklagt im Laufe des überwiegend mit Laiendarstellern auf den Straßen Beiruts gedrehten Films seine Erzeuger. Warum? Weil sie ihn auf die Welt gebracht haben, eine Welt, die nicht die geringste Chance für ihn bereithält.

Auch der Soziologe und Regisseur Bong Joon-ho (»Snowpiercer«) überzeugte mit seiner gesellschaftskritischen Milieustudie »Parasite« und heimste zu Recht in Cannes die Goldene Palme ein. Im Mittelpunkt des wendungsreichen, von Stammkameramann Hong Kyung-pyo fantastisch fotografierten Films stehen vier gewitzte, aber bettelarme Mitglieder einer südkoreanischen Familie. Als es dem Sohn gelingt, mit Hilfe von gefälschten Papieren zum Hauslehrer eines Kindes mit stinkreichen Eltern zu avancieren, besorgt er dem Rest seiner Sippschaft dort mit unlauteren Mitteln ebenfalls Jobs.

Eine kritische Bestandsaufnahme der südkoreanischen Gesellschaft und eine (Dreiecks-)Liebesgeschichte, die mit den Phantasmen der Hauptfigur verschmilzt, ist auch Lee Chang-dongs Mysterythriller »Burning«. Meisterhaft verstehen es der südkoreanische Regisseur und erneut ­Kameramann Hong Kyung-Pyo, die surreale, zwischen Wirklichkeit und Traum kippende Stimmung der Kurzgeschichte von Haruki Murakami einzufangen.

Endzeit und Nachhaltigkeit

Jim Jarmusch dagegen begegnete mit seinem Film »The Dead Don’t Die« mit gewohntem Premium-Cast Helge Schneider auf Augenhöhe. Den ewigen Kinohipster und seine ehemalige Regieassistentin Claire Denis eint zur Zeit anscheinend der Gedanke, dass es für die Menschheit richtig übel aussieht. Jarmuschs trashi­ger Zombiefilm über eine drohende Fracking-Katastrophe ist dabei aber weitaus unterhaltsamer als Denis’ Weltraumfilm – er will dem Zuschauer eigentlich nur eins unmissverständlich auf den Weg geben: Auch wenn wir das Kino lieben, es wird unser Leben nicht verändern können. Man verschwendet hier womöglich sogar seine Zeit!

Da wird es sicher auch Jim Jarmusch freuen, dass der größte Popstar des Jahres zweifelsohne die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg ist.
Den passenden Nachhaltigkeitssoundtrack gab es 2019 natürlich auch. Selbst Altmeister Neil Young nahm mit seiner alten Crazy-Horse-Band ein jaulendes Album mit sehr viel Sendungsbewusstsein für Mutter Natur auf: »Colorado«. Ok, Boomer. Nein, wirklich ok.

Skaterjungs und Slackergirls

Die schönste Folkmusik im Geiste der Sixties wiederum stammte von der New Yorker Gruppe Big Thief, die gleich zwei Alben herausbrachte. Kraut-, Jazz- und Math-Rock gehen unterdessen mehr und mehr eine interessante Fusion ein. Der aktuelle Entwicklungsstand lässt sich am eindrucksvollsten auf dem Album »Schlagen­heim« der Londoner Gruppe Black Midi nachhören. Als hätte der Erdkundelehrer zusammen mit seinen talentierten, aber im Teenage-Wasteland verwirrten Skateboard-Kids aus der letzten Reihe eine flotte Band aufgemacht, so klingt die ­Platte. Nicht ausgeschlossen, dass die immer wieder totgesagte Rockmusik im kommenden Jahrzehnt dem virtuellen Spaß zwischen VR-Brille und binge watching auf dem Smartphone ein ordentliches Pfund entgegensetzt.

Echte Skateboardkids gab es dagegen in der Panorama-Reihe der Berlinale zu entdecken. Jonah Hills hauptsächlich mit Laiendarstellern gedrehtes Regiedebüt »Mid90s« war jedoch nur vordergründig ein Skater-Film (mit einem grandiosen Set- und Kostüm-Design und einem tollen Soundtrack zwischen Bad Brains, Misfits und Wu-Tang-Clan). Eigentlich handelt es sich um ein zeitloses und berührendes Porträt über die schwierige Teenagerzeit von Jungen.
In der Generation Z erfährt der Slacker-Vibe der Generation X, die in diesem Jahr mit David Berman von den Silver Jews und zuletzt Purple Mountains wohl ihren stärksten Songwriter verloren hat, gerade am ehesten durch die seit kurzem erst 18jährige Billie Eilish ein zeitgemäßes Update. Bei ihrem Look lässt sich oft nicht genau verifizieren, ob sie nun Second Hand oder Gucci trägt. Ihr schwindsüchtiger Soundhybrid aus Gothic, EDM und R & B gefällt der ganzen urbanen Familie, von den My-Bloody-Valentine-Eltern bis zu den Hip-Hop-Kids.

An dieser Stelle sollte man unbedingt auch den Einfluss von hochgezüchtetem K-Pop erwähnen, der in diesem Jahr vor allem mit Suizidfällen von sich reden machte. Dem ­K-Pop-Wahnsinn setzt das Popland Amerika vor allem reanimierte ­Superhelden aus alten Marvel- und DC-Comics entgegen. So fragte man sich 2019 mit Peter Parker im twist­reichen Spiderman-Sequel, was in dieser postfaktischen Zeit um Himmels Willen noch Realität ist. Mit der Superheldin »Captain Marvel« präsentierte uns das Disney-Tochterunternehmen das Pendant zur feministischen »Wonder Woman« aus dem DC-Universum, in »Avengers: Endgame« konnte man fast alle ­Superhelden der Marvel-Filmreihe noch einmal in Action erleben und Joaquin Phoenix empfahl sich als »Joker« für den Oscar. Über allen Dingen stand aber wie immer Superheld Kanye West, der geschäftstüchtige Jesus des Rap-Geschäfts.

Um Musen statt Machos ging es dagegen in Céline Sciammas Drama »Porträt einer jungen Frau in Flammen«: Der weibliche Blick auf eine lesbische Romanze im 18. Jahrhundert ist ein meisterhaftes Lehrstück in Sachen Liebe und Freiheit. Sowohl in Cannes als auch kürzlich bei der Verleihung des Europäischen Filmpreis gewann der atemberaubend bebilderte, gespielte, inszenierte, geschnittene und ausgestattete Film ausgerechnet nur den Preis für das beste Drehbuch. Handelt es sich bei Drehbuchpreisen eigentlich um einen Verlegenheits-Trostpreis für weibliche Regisseure?

Der von einem Mann inszenierte Film über eine lesbische Dreiecksbeziehung und widerwärtige Machtspiele am Hof der unfähigen Queen Anne räumte dagegen sehr viel mehr Preise ab: Yorgos Lanthimos abgründige Historiengroteske »The Favourite« erhielt neben vielen anderen Preisen beim Europäischen Filmpreis sowohl die Trophäe für den Besten Film als auch für die Beste Komödie. Diese Entscheidung bleibt angesichts anderer starker Streifen schleierhaft. Womöglich haben die vielbeschäftigten Mitglieder der Europäischen Filmakademie es nur einmal mit dem E-Roller ins Kino geschafft, um sich zumindest den Oscar-Liebling anzusehen. Dem Mainstream dürfte unabhängig von Expertenmeinungen vor allem das Ende von »Games of Thrones« im Gedächtnis geblieben sein. Die Dreh­orte werden Instagrammer weltweit sicher noch weit über das kommende Jahrzehnt hinaus aufsuchen – auch wenn Cloudpopper Rin in seiner neuesten Single die Zeile droppt: »Wir leben für das Leben und nicht für Instagram«. Das Leben in der Cloud hat jedoch gerade erst begonnen.

“Systemsprenger und Babyboomer” in Jungle World von Dez. 2019